Ausbildung in Teilzeit Der 37-Stunden-Azubi

Von Sybille Weinschenk 5 min Lesedauer

Kfz-Mechatroniker in Vollzeit? Für Matthias Zielke war das als Alleinerziehender unmöglich. Über ein Förderprogramm erfuhr er von einer Alternative und fand einen Betrieb, der sich darauf einließ.

Weil der Betrieb Teilzeit zuließ, bekam Matthias Zielke seine Chance in der Werkstatt.(Bild:  Städtische Betriebe Minden)
Weil der Betrieb Teilzeit zuließ, bekam Matthias Zielke seine Chance in der Werkstatt.
(Bild: Städtische Betriebe Minden)

Nach seiner Elternzeit stand für Matthias Zielke fest, dass er Kfz-Mechatroniker werden wollte. „Ich habe privat an Autos geschraubt und auch schon mal als Helfer in einer Werkstatt gearbeitet“, erzählt er. Weil er sein Kind weitgehend allein betreut, muss er sich nach den Öffnungszeiten der Kita richten. Deshalb kam eine Ausbildung in Vollzeit für ihn nicht infrage. Er brauchte ein Modell, das zu seinem Alltag passt.

Fündig wurde er über das Förderprogramm „Teilzeitberufsausbildung“ (TEP), eine spezifische Initiative in Nordrhein-Westfalen (NRW). Mit deren Unterstützung bewarb er sich bei den Städtischen Betrieben Minden und überzeugte Ausbilder Uwe Riensch schon im Vorstellungsgespräch: Er ließ sich auf das Teilzeit-Ausbildungsmodell ein.

Anlaufstellen für die Teilzeitausbildung

Wer das Teilzeitmodell nutzen möchte, findet hier Unterstützung:

  • Agentur für Arbeit: Die Berufsberatung hilft bei den ersten Schritten und berät zu regionalen Fördermöglichkeiten.
  • Zuständige Kammer: Sie stimmt die vertraglichen Details direkt mit dem Betrieb ab und trägt das angepasste Ausbildungsverhältnis offiziell ein.

Ein bundesweiter Überblick sowie Adressen regionaler Servicestellen bündelt das Netzwerk Teilzeitberufsausbildung: netzwerk-teilzeitberufsausbildung.de

Zielkes Arbeitswoche hat 37 statt 40 Stunden, 34 davon ist er in der Werkstatt. Morgens beginnt der junge Vater eine halbe Stunde später, nachmittags geht er eine halbe Stunde früher, um sein Kind abzuholen. Die verbleibenden drei Stunden arbeitet er freitagnachmittags von zu Hause aus: Er geht die theoretischen Inhalte im autoFACHMANN durch, löst die Kenntnisnachweisfragen und schreibt sein Berichtsheft.

Teilzeit-Azubis schneiden genauso gut ab

Matthias Zielkes 37-Stunden-Woche ist eine sehr milde Form der Teilzeit. Sie zeigt, wie schon kleine Anpassungen dabei helfen können, Ausbildung und Privatleben besser zu vereinbaren. Das 2020 überarbeitete Berufsbildungsgesetz (BBiG § 7a) lässt aber deutlich stärkere Stundenreduzierungen zu. Die Arbeitszeit darf um maximal 50 Prozent gekürzt werden, wenn der Betrieb zustimmt. Die Ausbildungsdauer verlängert sich entsprechend, höchstens jedoch auf das Eineinhalbfache der Regelzeit.

Laut Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) machen Teilzeitverträge nur rund 0,5 Prozent der Neuabschlüsse aus. Kammern gehen aber von einer etwas höheren Zahl aus, weil manche Betriebe offiziell Vollzeit vereinbaren, die Arbeitszeit intern aber flexibel regeln.

Teilzeit-Azubis bestehen ihre Prüfung genauso oft wie Vollzeit-Azubis.(Bild:  autoFACHMANN)
Teilzeit-Azubis bestehen ihre Prüfung genauso oft wie Vollzeit-Azubis.
(Bild: autoFACHMANN)

Oft scheitert das Teilzeitmodell an den Vorbehalten der Ausbildungsverantwortlichen. Sie fürchten, dass sich der Organisationsaufwand erhöht und den Azubis am Ende der Ausbildung das nötige Wissen fehlt. Zu Unrecht, wie weitere Daten des BIBB belegen: Teilzeit-Azubis sind genauso erfolgreich wie Vollzeit-Azubis. In beiden Gruppen bestehen rund 92 % ihre Abschlussprüfung.

Wer flexibel ausbildet, hat mehr Auswahl

Wenn von Teilzeitausbildung die Rede ist, denken die meisten sofort an junge Eltern wie Matthias Zielke. Dass diese Zusammenarbeit funktioniert, bestätigt Uwe Riensch: „Herr Zielke ist einer, der wirklich für diesen Job lebt“, sagt er. Er zieht es vor, einen engagierten Azubi in Teilzeit auszubilden, statt Lehrlinge ohne Arbeitseifer in Vollzeit mitzuziehen.

Doch flexible Verträge helfen längst nicht nur jungen Eltern. Das Modell eignet sich auch für die zunehmende Zahl an Jugendlichen, die etwa wegen psychischer Belastungen oder ADHS keinen Acht-Stunden-Tag durchstehen. Auch Zugewanderte, die noch Zeit für Sprachkurse brauchen, profitieren von der Teilzeitausbildung. Darüber hinaus bewährt sich das Modell in akuten Krisen: Rutschen Vollzeit-Azubis in eine schwierige Lebensphase, kann die vorübergehende Umstellung auf Teilzeit verhindern, dass sie ihre Ausbildung vorschnell abbrechen.

Eine gute Möglichkeit, um in die Teilzeitausbildung reinzuschnuppern, bildet die Einstiegsqualifizierung (EQ). Das von der Agentur für Arbeit begleitete Langzeitpraktikum erlaubt es Betrieben, interessierte Jugendliche zunächst unverbindlich für ein Jahr einzustellen und kennenzulernen. Bei Matthias Zielke und Uwe Riensch war dieser Zwischenschritt nicht nötig. Durch die Vorbereitung im TEP-Programm waren beide Seiten davon überzeugt, dass es mit der Zusammenarbeit gut funktionieren würde.

Wo es in der Praxis knifflig wird

An zwei Punkten scheitert die Teilzeitausbildung oft: Schule und Gehalt. Berufsschule und Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) finden meist in Vollzeit statt. Die Zeit in der Berufsschule wird aber vollständig auf die betriebliche Ausbildungszeit angerechnet. Wer beispielsweise einen 30-Stunden-Vertrag hat, aber 8 Stunden in der Schule verbringt, baut an diesen Tagen Überstunden auf. Die müssen die Betriebe vergüten oder durch Freizeit ausgleichen. Dadurch reduziert sich die Anwesenheit im Betrieb weiter.

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Weil bei Zielke nur 3 von 40 Stunden wegfallen, spielt die Überstundenproblematik bei ihm keine Rolle. Auch sein Alltag mit Kind lässt sich gut organisieren: „Weil die Berufsschule erst um 7:55 Uhr anfängt, bekomme ich das gerade noch hin“, erklärt er. Mit der ÜLU haben Zielke und der Betrieb ebenfalls eine gute Lösung gefunden: „Ich kriege eine Kulanzzeit, und verpasste Aufgaben hole ich schnell nach.“ Riensch bestätigt das vorbehaltlos: „Ich gebe ihm eine Aufgabe und er löst sie. Ich kann mich auf ihn verlassen.“

Bleibt die Frage nach dem Geld. Schließlich bedeutet eine reduzierte Arbeitszeit meist, dass Azubis anteilig weniger verdienen. Bei Zielke fällt die Differenz gering aus. Wer seine Stunden hingegen stärker kürzt und finanziell knapp dasteht, sollte sich frühzeitig bei der Agentur für Arbeit über staatliche Hilfen wie die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) informieren. Die Gehaltsreduktion ist im Übrigen kein Muss: Betriebe dürfen freiwillig auch das volle Gehalt weiterzahlen.

Teilzeit anbieten oder danach fragen

Angesichts tausender unbesetzter Ausbildungsplätze in der Kfz-Branche können flexible und reduzierte Arbeitsstunden ein entscheidender Vorteil bei der Suche nach Bewerberinnen und Bewerbern sein. Schon ein Zusatz in der Stellenanzeige wie „Teilzeitausbildung nach Absprache möglich“ spricht Menschen an, die sich sonst gar nicht erst beworben hätten.

Auch die künftigen Azubis selbst dürfen mutiger sein. Wer auf ein Teilzeitmodell angewiesen ist, lässt sich von Vollzeit-Anzeigen am besten nicht abschrecken. Mit einem Plan und einem menschlich überzeugenden Auftritt im Vorstellungsgespräch lassen sich Betriebe zum Umdenken bewegen. Geraten Vollzeit-Azubis in eine private Krise, hilft ein offenes Gespräch: Lieber die Ausbildungsverantwortlichen auf Teilzeit ansprechen, als hinzuschmeißen.

Dass sich das auszahlt, erlebt Matthias Zielke jeden Tag. Würden er und Riensch das Teilzeitmodell weiterempfehlen? Ihre Antwort kommt einhellig und ohne Zögern: „Auf jeden Fall.“

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