Geschichte des Autoradios Der gute Ton

Von Von Edgar Schmidt

Für viele Autofahrer gehört es zum unverzichtbaren Extra im Auto: das Radio. Vor 100 Jahren begann seine Karriere als Unterhaltungs- und Informationsgerät. Heute hat es sich zum Infotainmentsystem gewandelt.

Das Autoradio Becker Nürnberg war 1951 schon gut in das Armaturenbrett integriert.
Das Autoradio Becker Nürnberg war 1951 schon gut in das Armaturenbrett integriert.
(Bild: Mercedes-Benz)

Seit mittlerweile 135 Jahren ermöglicht das Auto individuelle Mobilität. Einige Jahre später entwickelte sich dann das Radio zuerst in den USA zu einem sich schnell verbreitenden Unterhaltungsmedium. Das wiederum brachte den Wunsch der Automobilisten mit sich, doch beides miteinander zu kombinieren.

So liefert das Autoradio inzwischen seit rund 100 Jahren Musik und Informationen in die Fahrgastzellen. Das Mercedes-Benz-Museum wirft aus diesem Grund in seiner Ausstellung einen Blick zurück auf die Entwicklung des Autoradios hin zu einem umfassenden Infotainmentsystem.

Über viele Jahrzehnte galt beim Autoradio einzig: einschalten, Frequenz auswählen und den Lieblingssender hören. Anfangs war das zwar immer wieder mit Störungen und entsprechenden Knack- und Knarzgeräuschen verbunden. Trotzdem war das Radio für viele Autofahrer eine unverzichtbare Unterhaltungs- und Informationsquelle auf dem Weg zur Arbeit oder während der Fahrt in den Urlaub.

Erste Autoradios entstanden in den frühen 1920er-Jahren zunächst in den USA als Einzelstücke technikverliebter Bastler. Grundlage war die damalige Röhrentechnik. In Europa schaute man zunächst staunend auf diese Entwicklung. Am 13. August 1922 berichtete beispielsweise die „Berliner Illustrierte Zeitung“ über „die ‚Drahtlose‘ als Zeitvertreib – die neueste Mode in Amerika“ und bebilderte den Artikel mit einer Radioinstallation samt quer über die Frontscheibe gespannter Antennenanlage.

Die Begeisterung am mobilen Radioempfang wuchs schnell. Die deutsche Fachzeitschrift „Funkschau“ schrieb am 1. Juni 1931: „Kein Zweifel: Auto und Radio passen glänzend zusammen. Die Geschwindigkeit der Ortsveränderung, die der Wagen gestattet, findet ihre Ergänzung in der räumlichen Ungebundenheit des Radios.“

 15 Kilogramm Gewicht 

An der technischen Weiterentwicklung in den USA beteiligte sich in den 1920er-Jahren beispielsweise auch Bosch. So stammt das erste serienmäßig in Europa gefertigte Autoradio schließlich auch von Bosch. Es hieß Autosuper 5 (AS5) und wurde 1932 vom Tochterunternehmen Ideal-Werke (das im selben Jahr den Markennamen Blaupunkt einführte) auf der Funkausstellung in Berlin präsentiert. Das Gerät wog 15 Kilogramm und war ein absolutes Luxusgut. Fünf Stück kosteten laut Bosch so viel wie ein damaliger Kleinwagen.

Zu dieser Zeit war es üblich, dass nur die kompakte Bedieneinheit direkt am Armaturenbrett befestigt war. Das voluminöse Empfangsteil und der Verstärker hingegen fanden an anderer Stelle Platz: etwa im Kofferraum. Das AS5 war bereits vergleichsweise kompakt, und die Technik konnte unterhalb des Armaturenbretts verbaut werden. Schon wenige Jahre später wurden die Autoradios nahtlos ins Fahrzeug und in dessen Bedienkonzept integriert. Beispielsweise über eine runde Senderskala direkt neben den Instrumenten im Blickfeld des Fahrers.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Autoradios dann noch einmal deutlich kompakter und konnten komplett ins Armaturenbrett inte­griert werden. Etwa im Mercedes- Benz 170 S (W 136), dem ersten Oberklassefahrzeug der Marke nach dem Zweiten Weltkrieg: Radios wie das 1949 vorgestellte Becker AS 49 waren für diesen Typ ab März 1950 als Sonderausstattung lieferbar. Ein eng verwandtes Autoradio vom Typ Becker Solitude mit Rundskala steht heute als Exponat im Mercedes- Benz-Museum.

Mit dem Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre startete auch das Autoradio in eine neue Blütezeit. Ultrakurzwellensender (UKW) boten damals eine verbesserte Empfangsqualität. Weitere Verbesserungen waren Stationstasten und Sendersuchlauf. Transistortechnik, Kassettenlaufwerk und Stereoklang folgten in den Sechzigerjahren. In den Siebzigern wurde dann das Autofahrer-Rundfunk-Informationssystem (ARI) eingeführt, das Verkehrsmeldungen im Programm automatisch erkannte und die Lautstärke leicht anhob.

 Die Digitalisierung 

Seither wird der Rundfunkempfang im Auto kontinuierlich um ein ganzes System digitaler Medien- und Informationstechnik erweitert. Entscheidende Schritte waren unter anderem die Integration des CD-Spielers in den Achtzigerjahren und die Verknüpfung mit der Navigationstechnik in den Neunzigerjahren.

Ein Meilenstein für die Vernetzung der Systeme in Mercedes-Benz-Automobilen war die Einführung des Anzeige- und Bediensystems „Comand“. Es hatte 1998 in der S-Klasse der Baureihe 220 Weltpremiere. Heute ist das Autoradio bei vielen Herstellern Teil eines individualisierbaren, digitalen Infotainmentsystems, das bei Mercedes MBUX (Mercedes-Benz User Experience) heißt.

Ob digitaler Rundfunk, Streaming übers Smartphone oder MP3 vom USB-Stick – wer heute im Auto Musik auf klanglichem Topniveau genießt, profitiert von der vielfältigen Technikgeschichte des Autoradios. Manche Ideen wie ein mobiler Schallplattenspieler fanden keine große Verbreitung. Andere Erfindungen wie der CD-Wechsler im Handschuhfach waren sehr beliebt – aber schon bald von der Entwicklung der digitalen Medientechnik überholt.

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