BBE-Tuningstudie Sie sind einzigartig

Von Sybille Weinschenk 3 min Lesedauer

Das Thema Tuning polarisiert: Die einen beglückt der Anblick getunter Fahrzeuge, die anderen denken, dass sich nur soziale Randgruppen dafür interessieren. Eine kürzlich erschienene Studie beleuchtet den deutschen Markt und zeigt, was echte Tuningfans ausmacht.

Mareike Fox hat ihren BMW M4 G82 mit einem Luftfahrwerk von Streetec getunt. Das Unternehmen gilt als Pionier im Bereich besonders heftiger Tieferlegungen.(Bild:  Schuchrat Kurbanov – Messe Essen)
Mareike Fox hat ihren BMW M4 G82 mit einem Luftfahrwerk von Streetec getunt. Das Unternehmen gilt als Pionier im Bereich besonders heftiger Tieferlegungen.
(Bild: Schuchrat Kurbanov – Messe Essen)

Der durchschnittliche Tuningfahrer ist männlich, Mitte dreißig und identifiziert sich ziemlich mit seinen Fahrzeugen. Nicht selten besitzt er nämlich mehrere, die er gebraucht gekauft hat. Nur knapp ein Zehntel der Tuningkarossen sind Jungwagen, also maximal zwei Jahre alt. Ein knappes Drittel hat drei bis sieben Jahre auf dem Buckel. Der Rest ist älter.

Das sind Ergebnisse der Studie „Emotionale Mobilität, Autotuning und -veredelung“, die BBE Automotive im Dezember 2023 veröffentlicht hat. Die Beratungsgesellschaft hat dafür 1.000 deutsche Autofahrende und 105 Personen befragt, die ein getuntes Fahrzeug besitzen. Auch 31 Hersteller aus der Tuningbranche kamen zu Wort. Die Studie betrachtet die Szene aus mehreren Blickwinkeln: Wie denken und verhalten sich Tuningbegeisterte? Wie setzen sich Markt und Branche zusammen? Wo geht die Reise hin?

So tickt die Szene

Tuningfahrer nutzen die Fahrzeuge, um ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen und sich von der breiten Masse abzuheben. Damit das gelingt, können sie an verschiedenen Stellschrauben drehen. Ob Leistung, Aussehen oder Sound – das Spek­trum möglicher Veränderungen ist breit. Für jeden Geschmack ist das Passende dabei: Motortuning, Fahrwerktuning, Karosserie- und Inte­rieurtuning. Auch E-Fahrzeuge werden zunehmend optisch aufgemotzt. Egal für welche Maßnahmen man sich entscheidet, sie müssen legal sein und dürfen die Betriebserlaubnis nicht gefährden.

Das führt uns zu einem weiteren Punkt der Studie: Ein gutes Drittel der Befragten setzt die Tuningszene mit Posern und Rasern gleich. Mit Personen also, die ihr Fahrzeug manipulieren, um Lärm zu machen, Aufmerksamkeit zu erregen und in Kauf nehmen, andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Laut der Umfrage macht diese Randgruppe aber gerade mal fünf Prozent aus. Die große Mehrheit der Autobegeisterten grenzt sich davon ab.

Die Kernszene der Tuningfahrer ist online-affin und stark vernetzt. Laut eigenen Aussagen spielen Tu­ningmessen beispielsweise eine große Rolle. Zum einen können sie sich auf diesen Veranstaltungen informieren, zum anderen sind das gute Gelegenheiten, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Tu­ning-Influencer und Online-Kanäle wie Sidney Industries und JP Performance prägen die Szene. Über die sozialen Netzwerke erreichen sie viele Millionen Follower.

Die Devise: selbst machen

Mehr als vier Fünftel der Tuningfans sind technisch versiert und basteln selbst am Fahrzeug. Knapp die Hälfte ist sogar in der Lage, alle Tuning­arbeiten komplett zu erledigen. Bevor sie die entsprechenden Teile besorgen und ihre Projekte in Angriff nehmen, informieren sie sich im Internet und kaufen die Teile meist auch online.

In Zeiten von Instagram, Tiktok und Youtube wundert es nicht, dass drei Viertel der Tuningbegeisterten ihre Prachtstücke anschließend im Netz zur Schau stellen. Animiert von Tuning-Influencern und diversen Fernsehformaten träumt der eine oder andere womöglich selbst davon, berühmt zu werden.

Tuning spült Geld herein

Tuning ist auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Die Autohersteller machen in Deutschland etwa vier Milliarden Umsatz mit sogenannten Performancemodellen. Das sind spezielle Fahrzeuglinien, die auf eine höhere Leistung und bessere Fahrdynamik ausgelegt sind. Die Autos zeichnen sich durch eine verbesserte Motorleistung, ein sportlicheres Fahrwerk und eine bessere Bremsanlage aus. Bei den deutschen Herstellern haben BMW, Audi, VW und Mercedes die Nase vorn.

Das Nachrüstgeschäft (Aftersales) generiert etwa zwei Milliarden Umsatz pro Jahr. Der höchste Anteil entfällt dabei auf Räder und Reifen sowie Fahrwerkskomponenten. Gleich danach sind Änderungen an Karosserie und/oder Beleuchtung gefragt. Mit etwas Abstand folgen Motor, Auspuffanlage und Fahrzeug­innenraum.

Etwa 10.000 Menschen arbeiten in der Tuningbranche: Die eine Hälfte im Aftersales, die andere Hälfte bei den Fahrzeugherstellern. Laut der Studie gibt es etwa 1.000 Werkstätten, die sich verstärkt im Tuning engagieren; 200 von ihnen haben sich spezialisiert. Auf Herstellerseite zählt die Studie etwa 150 Produzenten von Tuning-Kits und -Teilen. Einige arbeiten mit den Automobilherstellern zusammen, um ihre Produkte als Originalzubehör anbieten zu können. AC Schnitzer etwa ist Partner von BMW und ABT Sportsline arbeitet mit Audi zusammen.

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Wer macht das Rennen?

Fachkräftemangel, Digitalisierung und Elektrifizierung sind gegenwärtig die wohl größten Herausforderungen im Automobilbereich. Für die Tuningbranche könnte sich das als Vorteil erweisen. Werkstätten, die sich auf Tuning spezialisieren, bieten technik- und online-affinen Mitarbeitenden ein besonders interessantes Arbeitsumfeld. Dadurch schlagen die Betriebe mehrere Fliegen mit einer Klappe: Sie sichern sich fachlich und digital versiertes Personal. Außerdem heben sie sich durch die Zusatzsparte besser vom lokalen Wettbewerb ab. Der Markt für Tu­ningarbeiten ist jedenfalls vorhanden. Laut Studienergebnissen wird auch die zunehmende Elektrifizierung nichts daran ändern.

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