Die skandinavischen Länder galten lange als führend in der Digitalisierung der Schulen. Doch in Schweden und Dänemark wächst die Kritik, traditionelle Lehrmethoden kehren zurück. Hat der technologische Fortschritt versagt und müssen wir Skandinavien als Vorbild hinterfragen?
Steht der Bildschirm im Mittelpunkt, besteht die Gefahr, dass Jugendliche den direkten Kontakt zueinander verlieren.
Immer wieder blicken die Deutschen bewundernd auf die Schulen in Skandinavien. Denn während in Deutschland an vielen Orten noch mit Kreidetafeln und Overheadprojektoren unterrichtet wird, gehören in Nordeuropa Tablets, digitale Lernplattformen und Smartboards überall zum Alltag.
Doch in den letzten Jahren ist die digitale Jubelstimmung auch bei unseren nördlichen Nachbarn einer zunehmenden Ernüchterung gewichen: Immer mehr Bildungsexperten, Lehrer und Eltern hinterfragen den unbeschränkten Einsatz von digitalen Medien. Und das nicht nur, weil die Leistungen der Schüler abfallen. Warum bremsen Schweden und Dänemark?
Viel Technik und wenig Fortschritt?
Internationale Studien wie PISA (Programm für Internationale Schülerbewertung) oder IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) zeigen, dass skandinavische Jugendliche und Grundschulkinder trotz des Einsatzes moderner Technik schlechter abschneiden als erwartet – vor allem beim Lesen, Schreiben und Verstehen von Texten.
Allerdings zweifeln einige Experten daran, dass die Digitalisierung allein dafür verantwortlich gemacht werden kann. Sie weisen darauf hin, dass die Lesekompetenz weltweit gesunken ist und dass auch andere Faktoren, wie etwa soziale Ungleichheit, eine Rolle spielen könnten. Sie argumentieren außerdem, dass die bisherigen Studien keine ausreichenden Daten liefern, um einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung digitaler Geräte und der nachlassenden Lesekompetenz zu belegen.
Unstrukturierte Lernmethoden
Das schwedische Karolinska-Institut kritisiert, dass die Schulen zu wenig mit digitalen Lernmitteln arbeiten, die speziell für den Unterricht entwickelt wurden. Stattdessen setzten sie oft auf selbstgesteuertes Lernen. Diese Methode soll das kritische Denken und die Selbstständigkeit fördern, indem Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Thema eigenständig Fragen stellen und im Internet nach Antworten suchen.
Doch gerade jüngere Kinder sind von dieser Methode überfordert. Aber auch ältere riskieren, nur nach Informationen zu suchen, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Das Gehirn neigt dazu, neue oder widersprüchliche Fakten zu ignorieren, was oft unbewusst geschieht. Dadurch verfestigen sich falsche Annahmen und erschweren es, das Wissen zu erweitern oder andere Perspektiven zu berücksichtigen.
Ablenkung und soziale Isolation
Ein weiterer Kritikpunkt am übermäßigen Einsatz von Tablets und Laptops ist die nachlassende Konzentrationsfähigkeit. Die Geräte lenken ab und machen es schwer, sich auf den Schulstoff zu konzentrieren. Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto leichter lassen sie sich ablenken.
Außerdem fällt auf, dass sie sich häufig abschotten, wenn der Bildschirm im Vordergrund steht: Alle schauen dann darauf und verlieren den direkten Kontakt zu den Mitschülerinnen und -schülern. Bei Gruppenarbeit hingegen sprechen die Kinder und Jugendlichen miteinander, teilen Ideen oder lösen gemeinsam Aufgaben. Dadurch lernen sie besser und entwickeln ein stärkeres Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Handschrift als Gedächtnisstütze
Forschungsergebnisse zeigen, dass das Schreiben mit der Hand eine wichtige Rolle beim Lernen spielt. Es unterstützt auf verschiedene Arten. Zunächst einmal sind die feinmotorischen Bewegungen intensiver als beim Tippen auf der Tastatur. Das fordert das Gehirn stärker und hilft ihm, Informationen besser zu verstehen und zu behalten.
Ein weiterer Vorteil: Jeder handgeschriebene Text sieht anders aus. Wie die Buchstaben auf dem Blatt angeordnet sind, gibt dem visuellen und räumlichen Gedächtnis zusätzliche Hinweise, die es beim Lernen unterstützen. Auf Tablets hingegen sind Notizen oft gleichförmig – die optische und räumliche Hilfe fehlen, was den Lernprozess erschwert. ARD-alpha hat sich ausführlich mit dem Thema Handschrift beschäftigt.
Wo steht Deutschland im Vergleich?
Die technische Ausstattung an deutschen Schulen hinkt im Vergleich zu Skandinavien noch immer hinterher. Durch den Digitalpakt hat sich die Situation seit 2019 zwar verbessert: Es gibt inzwischen mehr Breitbandanschlüsse und die Lernstätten sind besser mit Tablets und Laptops ausgestattet. Trotzdem haben viele Schulen noch immer keinen Glasfaseranschluss und auch das WLAN funktioniert nicht überall. Das ist unter anderem auf dem Deutschen Schulportal der Robert-Bosch-Stiftung zu lesen.
Stand: 08.12.2025
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Aus den Fehlern Skandinaviens kann Deutschland lernen. Dort hat der unstrukturierte Einsatz digitaler Medien die Schülerinnen und Schüler teils überfordert. Deshalb gilt: Wer damit arbeitet, benötigt ein passendes pädagogisches Konzept.
Ein fehlender Baustein: Lehrerfortbildung
Deutschland hat noch immer Nachholbedarf, wenn es darum geht, Lehrkräfte im Bereich der Digitalisierung aus- und fortzubilden. Während sich Lehrende in Skandinavien regelmäßig zu digitalen Themen weiterbilden, fehlt hierzulande eine systematische und flächendeckende Herangehensweise. Das geht aus dem Online-Portal „Monitor Lehrkräftebildung“ hervor. Das „Deutsche Schulbarometer“, eine regelmäßige Umfrage unter Lehrkräften, gab zuletzt an, dass sich erst die Hälfte der Lehrkräfte ausreichend auf den Einsatz digitaler Medien vorbereitet fühlt.
Gleichzeitig hat die skandinavische Entwicklung verdeutlicht, dass zu viel Technologie die Konzentration und den sozialen Austausch beeinträchtigen kann. Deutsche Schulen haben den Vorteil, dass sie digitale Medien bisher nur vereinzelt nutzen. Dadurch haben sie die Chance, von Anfang an auf eine ausgewogene Kombination aus analogen und digitalen Lernmethoden zu achten, um mögliche Rückschritte zu vermeiden.
Wie digitale Medien die Ausbildung stützen
Auch in der Berufsausbildung helfen digitale Medien dabei, Wissen zu vermitteln. Ein großer Vorteil ist, dass sie individuell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Lernenden zugeschnitten werden können: Funktionen wie Übersetzungen oder interaktive Aufgaben machen die Inhalte verständlicher. Die Interaktivität ermöglicht es den Auszubildenden, das Gelernte direkt praktisch anzuwenden. So verstehen sie den Stoff besser und sind motivierter bei der Sache.
Gleichzeitig zeigen Studien aus der Leseforschung, dass längere Texte oft auf Papier besser verstanden werden. Gerade wenn es darum geht, sich tief in ein Thema einzulesen und es im Kopf zu behalten. Auch hier gilt: Die Mischung macht's.
Ist Skandinavien als Vorbild gescheitert?
Nein, die nordeuropäischen Länder bleiben weiterhin Vorbild, besonders in Bezug auf den frühzeitigen Ausbau der Infrastruktur und die systematische Lehrerausbildung. Dass sie teilweise zu traditionellen Methoden zurückkehren, zeigt jedoch: Technik allein bringt keinen Fortschritt. Der Schlüssel liegt darin, digitale Werkzeuge sinnvoll und gezielt im Unterricht einzusetzen.
Eine ausgewogenes Verhältnis aus digitalen und analogen Lernmethoden führt zum größten Erfolg. Im 21. Jahrhundert sollten technologische Kompetenzen nicht als Ersatz für Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen gesehen werden, sondern als Ergänzung. Letztlich kommt es darauf an, beide Ansätze sinnvoll zu kombinieren.