Lernmythen Lernfallen erkennen

Von Sybille Weinschenk 4 min Lesedauer

Lernmythen – also falsche Vorstellungen vom Lernen – blockieren Azubis oft mehr als mangelnde Fähigkeiten. Dennoch sind diese Irrtümer weit verbreitet. Wir stellen fünf Mythen und die Fakten dahinter vor.

Die Einteilung in Lerntypen ist Unsinn – du solltest beim Lernen möglichst viele Sinne nutzen.(Bild:  KI-generiert)
Die Einteilung in Lerntypen ist Unsinn – du solltest beim Lernen möglichst viele Sinne nutzen.
(Bild: KI-generiert)

Wenn es ums Lernen geht, hört man von vielen Azubis Sätze wie: „Ich bin kein Theoretiker“ oder „Ich lerne am besten unter Druck.“ Viele gehen auch davon aus, dass das Gelernte nach einer Woche ohnehin wieder weg ist. Diese Aussagen greifen zu kurz und beruhen häufig auf Lernmythen. Diese halten sich hartnäckig, obwohl sie wissenschaftlich widerlegt sind.

Bist du ein Praktiker? 

Viele Azubis im Kfz-Gewerbe sehen sich als Praktiker und fühlen sich im Betrieb wohler als im Klassenzimmer. Es ist aber falsch, dass jemand von Natur aus entweder theoretisch oder praktisch begabt ist.

Diese Vorlieben entwickeln sich durch frühere Erfahrungen und nicht durch unveränderliche Fähigkeiten. Oft entsteht diese ungerechtfertigte Überzeugung durch ein negatives Selbstbild aus der Schulzeit: Schlechte Noten oder unverständlich vermittelter Stoff können dazu führen, dass man sich für theoretisch unbegabt hält.

Was oft übersehen wird: Jede praktische Fertigkeit basiert auf theo­retischem Wissen. Wenn du
etwa weißt, wie ein Bremssystem gewartet wird, hast du die Theorie vorab verinnerlicht. Sie wird verständlicher, sobald sie einen praktischen Nutzen hat.

Welcher Lerntyp bist du? 

„Ich bin ein visueller Lerntyp und lerne nur mit Bildern.“ „Ich bin ein auditiver Typ und muss etwas hören, um es mir zu merken.“ „Ich bin ein haptischer Typ, ich muss Dinge anfassen, um sie zu verstehen.“

Die Idee der Lerntypen begegnet dir sogar in Fragebögen zur Selbsteinschätzung. Die Grundannahme ist, dass jeder Mensch auf eine bestimmte Art am besten lernt. Klingt logisch – ist aber wissenschaftlich nicht haltbar.

Natürlich hast du Vorlieben beim Lernen. Das bedeutet aber nicht, dass du nur auf diese eine Art lernen kannst oder solltest. Die Fixierung auf einen bestimmten Lerntyp führt im schlimmsten Fall dazu, dass du andere wichtige Lernstrategien vernachlässigst oder gar nicht erst entwickelst. Entscheidend ist nicht, ob du mit Bildern, Texten oder Videos lernst, sondern dass du möglichst verschiedene Sinneskanäle kombinierst – also sowohl sehen, hören, sprechen als auch anwenden.

Um etwa das Funktionsprinzip einer Einspritzanlage zu verstehen, ist es sinnvoll, eine Grafik anzuschauen, dir die Funktionsweise theoretisch anzueignen, selbst daran zu arbeiten und das Prinzip einer anderen Person zu erklären. Verschiedene Lernwege führen dazu, dass du den Lernstoff besser verstehst und im Kopf behältst.

Brauchst du Druck? 

Kurz vor einer Prüfung die Nächte durchlernen – viele Azubis halten das für sinnvolles Lernen. Tatsächlich fühlst du dich dabei wach und konzentriert.

Dieses Hoch trügt jedoch. Unter Stress produziert dein Körper Adrenalin, was einen entscheidenden Nachteil hat: Unter extremem Stress gespeichertes Wissen verschwindet schnell wieder. Für die Prüfung mag das reichen – für den Berufsalltag nicht.

Nicht, dass du nie unter Druck lernen darfst, aber ein ständiger Panikmodus baut kein stabiles Wissen auf. Es ist besser, über mehrere Wochen verteilt täglich 20 Minuten zu lernen. Das Gehirn braucht Zeit, um neue Verbindungen zu festigen und Gelerntes in bestehende Wissensstrukturen einzubauen.

Alles weg nach einer Woche? 

Dem Mythos der Ebbinghaus'schen Vergessenskurve zufolge hast du nach einem Tag schon 65 Prozent vergessen, nach einer Woche mehr als 75 Prozent und nach einem
Monat nahezu 90 Prozent.

Diese Theorie hat zwei große Schwächen: Zum einen war Ebbinghaus der einzige Teilnehmende an seinem Experiment. Zum anderen testete er nur, wie lange er sich sinnlos aneinandergereihte Silben merken konnte. Das lässt sich kaum mit dem echten Lernen in der Ausbildung vergleichen. Informationen, die für dich persönlich bedeutsam sind, bleiben nämlich viel länger im Kopf: Wenn du eine Reparatur durchführst oder ein schwieriges Kundengespräch führst, hast du die fachlichen Grundlagen und Zusammenhänge auch viel länger im Gedächtnis.

Die Vergessens­kurve behauptet, dass du nach einer Woche mehr als 
75 % des Gelernten vergessen hast.(Bild:  Schmidt - VCG)
Die Vergessens­kurve behauptet, dass du nach einer Woche mehr als 
75 % des Gelernten vergessen hast.
(Bild: Schmidt - VCG)

Auch dein Vorwissen entscheidet, wie viel du behältst: Je mehr du über ein Thema weißt, desto leichter knüpfst du neue Informationen an. Wenn du mit anderen lernst oder dich über Fachfragen austauschst, kann das ebenfalls helfen, den Lernstoff besser abzuspeichern.

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Außerdem ist es wichtig, wie du lernst: Wenn du dir etwa selbst Fragen zum Stoff stellst, Zusammenhänge herstellst oder Szenarien gedanklich durchspielst, bringt das mehr als bloßes Auswendiglernen.

Und natürlich gilt: Was du regelmäßig in der Werkstatt oder im Betrieb anwendest, bleibt besonders gut im Gedächtnis.

Wie lernst du am besten? 

In vielen Fachbüchern findest du die Lernpyramide. Sie behauptet, dass du nur 10 Prozent vom Gelesenen behältst, 20 Prozent vom Gehörten, 75 Prozent von dem, was du anwendest und 90 Prozent von dem, was du anderen beibringst.

Die Grundidee stimmt: Etwas selbst machen oder anderen beibringen, ist oft hilfreicher als Informationen nur aufzunehmen. Wenn du einem Kollegen oder einer Kollegin erklärst, wie etwas funktioniert, verankerst du das Wissen besser, als wenn du nur einen Text liest. Voraussetzung ist jedoch, dass du es wirklich verstanden hast – sonst entsteht ein „Stille-Post-Effekt“, bei dem du Missverständnisse weitergibst und am Ende mehrere Personen falschliegen. Wer Arbeitsschritte bloß nachmacht, ohne sie zu verstehen, lernt oberflächlich.

Wie gut du lernst, hängt nicht allein davon ab, wie dir Wissen vermittelt wird.(Bild:  Schmidt - VCG)
Wie gut du lernst, hängt nicht allein davon ab, wie dir Wissen vermittelt wird.
(Bild: Schmidt - VCG)

Aber dein Vorwissen, deine Motivation, das Lernthema und die Qualität des Lernmaterials spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ein gut aufbereiteter Fachvortrag kann dir beispielsweise mehr bringen als eine schlecht durchdachte praktische Übung.

Lernmythen sind hartnäckig 

Lernmythen halten sich aus mehreren Gründen: Sie sind einfach und eingängig, weil sie komplexe Vorgänge auf knappe Faustregeln verkürzen und bequeme Wege zum Lernerfolg vorgaukeln. Zudem steckt in vielen Mythen ein wahrer Kern. Diese Halbwahrheiten machen es schwer, sie zu widerlegen.

Sowohl im Alltag als auch beim Lernen gilt: Es gibt selten Patentlösungen. Statt nach der einen perfekten Methode zu suchen, probiere verschiedene Wege aus und finde heraus, was für dich funktioniert.

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