Vom Azubi zum Bundestrainer Aus Pech wurde Gold

Von Sybille Weinschenk 3 min Lesedauer

Ein halber Punkt fehlte ihm 2021 zum Gewinn der sächsischen Meisterschaft der Kfz-Mechatroniker. Aus der Traum von der Wettkampfkarriere. Doch dann fiel jemand aus und Stefan Mißbach war wieder im Rennen.

Goldjunge: Stefan Mißbach bei der Siegerehrung der WorldSkills 2022 
in Dresden.(Bild:  Schmidt – VCG)
Goldjunge: Stefan Mißbach bei der Siegerehrung der WorldSkills 2022 
in Dresden.
(Bild: Schmidt – VCG)

Stefan, du hast 2021 die Qualifikation für das Finale der Deutschen Meisterschaft im Handwerk um nur 0,5 Punkte verfehlt. Das ist der wichtigste nationale Berufswettbewerb. Was ging dir da durch den Kopf?

Das war natürlich sehr ärgerlich, so knapp am Sieg vorbeigeschrammt zu sein. Ich hab mir im Nachhinein gedacht, dass ich diesen halben Punkt wirklich an allen möglichen Stellen hätte holen können. Hab ich aber nicht und deshalb war für mich nach dem Landeswettbewerb Schluss – dachte ich jedenfalls.

Was ist dann passiert? Wie bist du doch noch zu den WorldSkills gekommen?

Durch einen glücklichen Zufall. Die Besten vom Bundeswettbewerb kommen ja ins Auswahltraining für die WorldSkills. Ich war aber schon beim Landeswettbewerb raus. Doch dann ist einer der Kandidaten kurzfristig ausgefallen. Die Bundestrainer haben beim Landesverband nachgefragt, ob sie noch jemanden kennen, und weil ich nur 0,5 Punkte weniger hatte als der Sieger, bin ich doch noch ins Rennen gekommen.

Wie war das, als der Anruf kam? Hast du sofort zugesagt oder brauchtest du Bedenkzeit?

Nee, ich musste keine Sekunde überlegen. Dass sie mich für die Weltmeisterschaften trainieren wollten, war so ein cooles Gefühl – echt schwer zu beschreiben. Für mich hat es sich wie ein Lottogewinn angefühlt.

Was macht man bei so einem Wettkampf konkret?

Fehler diagnostizieren und beheben. Am Motor, an der Karosserieelektrik und bei uns war erstmals auch ein Elektroauto dabei. Dazu kommen Wartungsarbeiten, Messungen an Lenkung, Fahrwerk und Bremsen. Es sind fünf Module, an denen du auf drei Tage verteilt insgesamt 15 Stunden arbeitest.

Die Hälfte der Aufgaben musst du in 20 Minuten schaffen. Besonders anspruchsvoll war die Motorwartung: Einen kompletten Motor in drei Stunden zerlegen, Verschleiß messen, den eingebauten Fehler finden, korrigieren und dann alles wieder zusammenbauen und einstellen.

Stefan Mißbach bei den WorldSkills 2022 – mit voller Konzentration führt er die Fehlerdiagnose am Fahrwerk durch.(Bild:  Schmidt – VCG)
Stefan Mißbach bei den WorldSkills 2022 – mit voller Konzentration führt er die Fehlerdiagnose am Fahrwerk durch.
(Bild: Schmidt – VCG)

Bei den internationalen Vorbereitungswettkämpfen hast du gemerkt, dass du noch Gas geben musst. Was waren die größten Unterschiede?

In Europa trainieren wir in unserer Freizeit. Alle opfern so viel Zeit wie möglich, um ein gutes Training hinzubekommen. In Asien hingegen ist das anders: Dort wird das Training staatlich stark unterstützt. Die Teilnehmenden trainieren in speziellen Bildungseinrichtungen und haben Lehrer, die sich nur um sie kümmern – über drei Jahre hinweg in Vollzeit.

Der Grund für diese unterschiedlichen Ansätze sind die jeweiligen Ausbildungssysteme. Bei uns ist sie durch das duale System praxisorientierter. In Asien hingegen fangen viele schulisch an und sind anfangs praktisch schwächer. Deshalb investieren diese Länder so viel in spezielle Wettkampfvorbereitung. Vieles läuft wie einstudierte Choreografien ab.

Bei uns ist Geschwindigkeit eigentlich nicht das größte Thema. Aber je schneller ich bin, desto mehr Fehler finde ich.

Hat dich das frustriert?

Ja klar, am Anfang schon. Andererseits hab ich gemerkt, dass die besonders Schnellen manchmal auch Schritte übersprungen haben und weniger Punkte bekommen haben, weil sie unsauber gearbeitet haben. Außerdem waren sie auf bestimmte Wettkampfsituationen gedrillt. Wenn doch mal was anders war, kamen sie schneller ins Schlingern. Durch den Werkstattalltag sind wir auf ein viel größeres Spektrum an Problemen vorbereitet.

Wie hast du es geschafft, trotz Zeitdruck ruhig zu bleiben?

Ich hab auf meine Erfahrung vertraut, überlegt, wo der Fehler am wahrscheinlichsten liegt, und das dann systematisch geprüft. Im Wettkampf bleibt keine Zeit, groß auszuprobieren.

Hast du im Arbeitsalltag vom Wettkampftraining profitiert?

Auf jeden Fall! Durch das Training habe ich mir innerhalb eines Dreivierteljahres wahnsinnig viel Wissen über Fahrzeugdiagnose, Elektronik und Motoren angeeignet. Der fachliche Vorsprung, den ich dadurch mit 21 Jahren hatte, war enorm.

Aber wichtiger war die persönliche Entwicklung. Ich hab gelernt, dass ich auf mich und mein Wissen setzen kann. Das hat mir sehr viel Selbstsicherheit gegeben.

Was würdest du Kfz-Mechatronikern empfehlen, die keine Wettkampfkarriere anstreben, um am Ball zu bleiben?

In der Kfz-Branche gibt es so viele Weiterbildungsmöglichkeiten: Servicetechniker, Meister, Spezialisierung auf bestimmte Hersteller oder Bereiche in der Werkstatt. Im Auto geht alles – außer Fliegen.

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Selbst im Internet gibt es einiges: Die Autodoktoren beispielsweise vermitteln sehr gut Fachwissen und zeigen, wie vielseitig unser Beruf ist. Auch in Foren kann man sich austauschen und von den Erfahrungen anderer lernen.

Es ist wichtig, neugierig zu bleiben. Wenn du eine neue Technik siehst und nicht weißt, wie sie funktioniert, dann mach dich schlau!

Du hast schon viel erreicht und bist inzwischen selbst Bundestrainer für die WorldSkills. Hast du weitere Ziele?

Klar. Ich würde gerne den nächsten Weltmeister trainieren!

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