Fahrzeugdesign Biest mit Charakter

Von Marco Fanari, Head of New Business & Marketing bei Genesis Design 5 min Lesedauer

Design gilt als einer der schwierigsten Prozesse bei der Fahrzeugentwicklung. Schließlich müssen die Designer dabei mehrere Jahre in die Zukunft denken. Umso wichtiger ist es, dass sich ihr Entwurf nicht nur auf Äußerlichkeiten beschränkt, sondern einem schlüssigen Konzept folgt.

Bei emotionalem Design ist das Auto für die Designer mehr als ein reines Fortbewegungsmittel.(Bild:  Genesis Design)
Bei emotionalem Design ist das Auto für die Designer mehr als ein reines Fortbewegungsmittel.
(Bild: Genesis Design)

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Deshalb gefällt auch nicht jedem jedes Fahrzeugdesign. Doch es gibt durchaus Kriterien, die aus einer einfachen Karosseriegestaltung ein gutes Design machen können.

Wenn Fahrzeugdesigner den Geschmack von Autofahrenden treffen wollen, dürfen sie nicht nur auf klassische Gestaltungsregeln achten. Sie müssen unter anderem auch die Region berücksichtigen, in der sich ein Modell verkaufen lassen soll. Chinesen haben einen komplett anderen Geschmack als Nordeuropäer und diese wiederum einen anderen als US-Amerikaner. Und sie müssen den Geschmack vorahnen, den die Menschen wahrscheinlich haben werden, wenn das neue Modell ein paar Jahre nach den ersten Entwürfen auf den Markt kommt.

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Gutes Design beginnt deshalb oft nicht mit einer Linie, sondern mit einem Gefühl. Denn unabhängig von Zeitgeist und Region gefällt ein Design immer dann vielen Menschen, wenn es wie aus einem Guss wirkt. Die Betrachtenden müssen förmlich spüren, dass die Designer eine Vision des Autos hatten, diese schlüssig verfolgt haben und dann konsequent bei dieser Designlinie geblieben sind.

Ergänzendes zum Thema

Genesis Design ist ein unabhängiges Designstudio, das seit über 20 Jahren Designlösungen für die Mobilität von morgen entwickelt – von der ersten Skizze bis zum seriennahen Fahrzeugmodell. De­signer, Ingenieure und Strategen arbeiten hier nach dem Prinzip Creator & Performer interdisziplinär zusammen, um Fahrzeuge zu gestalten, die weit mehr sind als reine Fortbewegungsmittel. Dabei beschränken sie sich nicht nur auf Straßenfahrzeuge. Auch Luft- und Wasserfahrzeuge gehören zu ihrem Repertoire.

Spannung erzeugen, Leben einhauchen

Bei emotionalem Design ist das Auto für die Designer mehr als ein reines Fortbewegungsmittel. Sie streben vielmehr danach, Technik, Ästhetik und Emotion zu einer sinnstiftenden Einheit zu verbinden, dem Auto förmlich Leben einzuhauchen. Nicht zuletzt deshalb versuchen sie in ihren Formen beispielsweise die Energie und Dynamik von Lebewesen einzufangen – etwa die Spannung einer Raubkatze kurz vor dem Sprung auf ihre Beute.

Grundsätzlich bestimmen dann aber die Formen und die Linienführung am Auto, wie Menschen ein Design wahrnehmen:

  • Symmetrische Formen, wie bei vielen klassischen Automodellen, vermitteln oft ein Gefühl von Harmonie, Ausgewogenheit und Stabilität.
  • Asymmetrische Formen, wie sie bei vielen Sportwagen zu finden sind, können Dynamik, Innovation und einen Hauch von Aggressivität vermitteln.
  • Klare, einfache Formen wie Rechtecke und Kreise wirken oft aufgeräumt und elegant.
  • Komplexe Formen können ein Gefühl von Raffinesse und Exklusivität vermitteln, aber auch unübersichtlich wirken, wenn sie nicht gut komponiert sind.
  • Horizontale Linien vermitteln Ruhe, Weite und Entspannung.
  • Vertikale Linien wirken kraftvoll, dominant und können ein Gefühl von Erhabenheit oder Strenge vermitteln.
  • Diagonale Linien erzeugen Dynamik, Bewegung und Spannung.
  • Geschwungene Linien wirken oft elegant und fließend.
  • Scharfe Winkel, wie sie bei Sportwagen zu finden sind, können Aggressivität und Sportlichkeit vermitteln.
  • Abgerundete Ecken wirken oft freundlicher, weicher und weniger bedrohlich.

Das Zusammenspiel

Die Kombination verschiedener Formen und Linien kann eine Vielzahl von Wirkungen erzielen. Beispielsweise wird ein Auto mit einer schlanken, aerodynamischen Form und dynamischen Linien eher als schnell und leistungsstark wahrgenommen, während ein Auto mit einer kantigen Form und klaren Linien eher robust und zuverlässig aussieht.

Die Designer nutzen diese Elemente also, um Emotionen zu wecken, bestimmte Eigenschaften zu betonen und eine ansprechende Ästhetik zu schaffen.

Auch die Natur spielt bei gutem Design eine wesentliche Rolle. Formen, die viele Menschen als harmonisch empfinden, entsprechen oft den auch in der Natur vorkommenden Proportionen und Größenverhältnissen. Der sogenannte Goldene Schnitt und die Fibonacci-Zahlen sind hier der Maßstab. Blumen, Bäume und Lebewesen haben häufig Proportionen im Goldenen Schnitt. Die Länge von Teilstrecken steht hier im Verhältnis von ca. 1 : 1,618. Die Fibonacci-Zahlen bilden die Grundlage für eine sogenannte goldene Spirale. Eine solche Form ist etwa bei der spiralförmigen Anordnung von Blättern oder Blüten bei Pflanzen anzutreffen. Auch hier entsprechen die Abstände oft dem Goldenen Schnitt.

Das Biest

Ein anschauliches Beispiel für ein gelungenes, emotionales Design ist das von dem unabhängigen Münchner Designstudio Genesis entworfene, elektrisch angetriebene Konzeptfahrzeug „Aviera EV8 Spyder“. Für Genesis ist der Wagen mehr als ein Elektrofahrzeug – die Designer sehen ihn als Wiedergeburt einer Ära, in der Design, Technik und Emotion noch eine Einheit bildeten. Der offene Zweisitzer soll die Faszination klassischer Performance-Fahrzeuge ins elektrische Zeitalter übersetzen – mit klarem Charakter, maximalem Wiedererkennungswert und dem Anspruch, Emotion sichtbar und erlebbar zu machen.

Die Idee

Schon die Namensgebung ist ein Statement: EV steht für „Electric Vehicle“, die „8“ verweist auf das emotionale Erbe der V8-Ikonen vergangener Jahrzehnte. Statt der acht Zylinder sind bei dem Aviera allerdings acht sichtbare Hochleistungskondensatoren unter dem gläsernen Engine-Cover angeordnet. Sie stehen als Symbol für die neue Kraftquelle. Wo früher Ventildeckel lagen, leuchten heute Hightech-Bauteile – sichtbar, pur, aufgeladen mit Bedeutung. Sie sind das Element, das Geschichte zitiert und Zukunft sichtbar macht.

Der EV8 Spyder nutzt ausdrucksvolle Geometrien, kontrastreiche Flächenverläufe und präzise Lichtkanten, um seine Sportlichkeit und Kraft auszustrahlen. Die spannungsgeladene Linienführung und die prägnanten schwarzen Signaturen an Front und Heck verleihen dem Fahrzeug eine visuelle Energie, die sofort ins Auge fällt. Die Designer haben die Technik nicht unter Hauben versteckt, sondern sie präsentieren sie stolz, um den innovativen Charakter des Modells hervorzuheben.

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Lang, flach, breit

Der EV8 Spyder lebt zudem von seiner dramatischen Proportion: lang, flach und breit. Die tiefgezogene Front und das breite Heck betonen seine Straßenlage. Die gezielte Linienführung lenkt den Blick auf die Hinterachse – dort, wo Kraft und Traktion verortet sind. Die Lichtkanten modellieren das Volumen, erzeugen Bewegung und verleihen dem Fahrzeug einen optischen Vortrieb – selbst im Stand. Jede Fläche folgt einer klaren Form-Idee. Kein Zufall, sondern kontrollierte Spannung.

Die acht sichtbar unter Glas platzierten Hochleistungskondensatoren – vier links, vier rechts – sind als Reminiszenz an die V8-Ära gedacht. Sie erzeugen einen visuellen Effekt, der bewusst Assoziationen zu klassischen Sportwagenmotoren weckt. Emotional aufgeladene Flächen, ein betont skulpturaler Übergang der C-Säule zur Heckpartie und das ikonische Tagfahrlichtdesign runden den Auftritt nach Angaben der Designer ab. Jede ihrer Entscheidungen diene dem Ziel, ein Maximum an Charakter, Unverwechselbarkeit und Emotionalität zu erzeugen. Der Spyder lebe von der sichtbaren Technik, der geöffneten Struktur und dem Gefühl, dass Performance wieder greifbar wird – elektrisch, aber nicht steril.

Die konsequent durchgehaltene Designlinie und die Detailtreue lassen den Wagen begehrenswert, „wertig“ und modern erscheinen. Der Aviera zeigt in jedem Element – von der Signaturlinie bis zur Glasfläche – einen bewussten gestalterischen Willen. Moderne definiert sich hier nicht über Reduktion, sondern über Ausdruck: kraftvoll und kompromisslos.

Das Fahrzeug spricht mit einer klaren Sprache – nicht elegant im klassischen Sinn, sondern selbstbewusst, dynamisch und mit einer Präsenz, die man nicht übersehen kann. Es ist ein Biest mit Charakter – lautlos, aber unüberhörbar. Wer ihn sieht, hört den Sound im Kopf. Und will sofort losfahren.

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