Best Practice: Azubiförderung Umwege sind erlaubt

Von Sybille Weinschenk 4 min Lesedauer

Wenn ein Azubi seinen Ausbildungsberuf wechseln will, unterstützt Daimler Truck ihn dabei. Der jährliche Entwicklungsworkshop für rund 90 Azubis verfolgt dasselbe Ziel: den Azubis helfen, ihren Weg zu finden.

Azubis und Aus­bildungsteam am Ende der Workshop-Woche in Lautenbach.(Bild:  Daimler Truck AG)
Azubis und Aus­bildungsteam am Ende der Workshop-Woche in Lautenbach.
(Bild: Daimler Truck AG)

Riesenlogistikzentrum mit Robotik an der Decke – so hatte sich der neue Azubi seinen künftigen Arbeitsplatz vorgestellt. Was er bei Daimler Truck vorfand: ein kleines, mit moderner Technik ausgestattetes Ersatzteillager. Aber eben keine endlosen Gänge mit Hochregalen, keine spektakulären Krananlagen. Nach nur einer Woche Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik stand für ihn bereits fest: Das ist es nicht.

Also wandte er sich an Sophia Klumb, Ausbildungsleiterin bei Daimler Truck für die Region Süd im Own Retail: „Kann ich mir mal die Werkstatt anschauen?“ Klumb überlegte nicht lange und organisierte vier Wochen Schnuppern in der Werkstatt. Beide Seiten sollten prüfen, ob es passt. „Im Bewerbungsgespräch war er so überzeugt vom Unternehmen“, erinnert sich die Ausbildungsleiterin. „Dass er in der ersten Woche so klar sagte: Entweder Werkstatt oder ich bin weg, das fand ich tough.“

Der Versuch hat sich gelohnt. Nach den Probewochen erhielt der Azubi einen neuen Ausbildungsvertrag als Kfz-Mechatroniker.

Wenn alle Wege offenstehen

Solche Wechsel kosten Zeit und verursachen Aufwand: Ein neuer Vertrag und neue Ansprechpersonen müssen her. Daimler Truck nimmt das in Kauf. Sophia Klumb kennt solche Umwege aus eigener Erfahrung. Nach 13 Jahren Schule wusste sie nur, was sie alles nicht machen wollte. Ihr Lebenslauf verlief „schlängelig“, wie sie selbst sagt. Heute betreut sie 48 Azubis.

Diese Erfahrung prägt ihre Sicht auf die junge Generation: „Die Anzahl der Möglichkeiten ist erschlagend und führt zu großer Verunsicherung. Früher ging der Sohn des Handwerkers ins Handwerk. Fertig. Heute ist das nicht mehr zwingend so. Viele denken bei der Wahl des Ausbildungsberufs, dass sie eine Entscheidung fürs Leben treffen müssen“, weiß Klumb.

„Klassenfahrt“ für Azubis

Seit Jahren veranstaltet Daimler Truck im Frühjahr für alle neuen Azubis des Own Retail, also der eigenen Verkaufs- und Servicestandorte, eine gemeinsame Woche. Beim Entwicklungsworkshop, kurz EWS genannt, kommen jedes Jahr rund 90 junge Menschen aus ganz Deutschland in einer Jugendherberge zusammen. Zuletzt in Lautenbach. Sie ist bewusst ländlich gelegen: „In der Stadt wäre der Reiz auszubüxen zu groß“, erklärt Klumb pragmatisch.

Unterstützung bekommen die neuen Azubis von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen aus höheren Lehrjahren, die als Azubi-Mentoren mitfahren. „Wir fragen in die Runde, wer Lust hat mitzukommen“, erzählt Klumb. „Für viele ist das wie eine Klassenfahrt, an die sie sich gern erinnern.“ Sie helfen bei einzelnen Programmpunkten und sind zusätzliche Ansprechpartner für die neuen Azubis. Schließlich kennen sie die typischen Startschwierigkeiten aus eigener Erfahrung.

Von Kommunikation bis Krise

Auf dem Workshop-Programm stehen Themen, die im Arbeitsalltag oft zu kurz kommen: Die Azubis üben beispielsweise professionelle Kommunikation und lernen, dass E-Mails mit Anrede beginnen und mit Grußformel enden. Das wissen viele nicht. „Die sind den ganzen Tag am Handy, aber wenn es um professionelles Arbeiten mit digitalen Medien geht, ist die Kompetenz oft erschreckend gering“, berichtet Klumb.

Ein weiterer Workshop behandelt persönliche Grenzen: Vermeintlich lustige Sprüche, die verletzen können, ein rauer Ton, der einschüchternd wirken kann. „Jeder hat seine eigenen Grenzen“, betont Klumb. „Nur weil für den einen etwas kein Problem ist, heißt das nicht, dass es für den anderen auch keins ist.“

Christoph Vogel von Vogelstein und Sophia Klumb: Die beiden Ausbildungsleitenden beim Workshop in Lautenbach.(Bild:  Daimler Truck AG)
Christoph Vogel von Vogelstein und Sophia Klumb: Die beiden Ausbildungsleitenden beim Workshop in Lautenbach.
(Bild: Daimler Truck AG)

Wichtig ist auch das Thema mentale Gesundheit. Nicht wenige Auszubildende kämpfen mit psychischen Problemen. Beim Workshop werden deshalb verschiedene Unterstützungsangebote vorgestellt. Ein eigener Sozialdienst kann etwa bei der Suche nach Therapieplätzen helfen. „Wer selbst mal gesucht hat, weiß, wie kräftezehrend das ist“, sagt Klumb. Auch die konzerneigene Mercedes-Benz-Krankenkasse stellt sich vor. „Wenn unsere Azubis dort anrufen, sprechen sie mit Kollegen, die sie auch so behandeln. Das nimmt Hemmschwellen“, erklärt Klumb.

Menschen mit Geschichten

Mindestens genauso wichtig wie das Programm ist das Drumherum. Die fünf regionalen Ausbildungsleitenden sind die ganze Woche dabei. Sie essen mit den Azubis, verbringen die Abende zusammen, erzählen von ihren eigenen Werdegängen. Bei diesen Gesprächen wird deutlich: Die Ausbildung ist nur der Anfang. Ein Grundbaustein, auf dem sich aufbauen lässt.

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Auch Maximilian Merkel, Leiter der Berufsausbildung Own Retail Deutschland, kommt für ein oder zwei Tage vorbei. „Die Azubis kennen seinen Namen, haben ein Bild im Kopf“, erzählt Klumb. „Bei dieser Gelegenheit sehen sie, dass dahinter auch eine Person steckt. Eine Person mit einer Geschichte.“

„Die Sophia, die ist so nahbar“, sagte mal eine Auszubildende über Klumb. „Bei der merkt man, die ist auch nur ein Mensch.“ Ein Kompliment, über das sich die Ausbildungsleiterin freut. Und sie lebt das auch: Während sich manche Ausbildende siezen lassen und ihre Azubis duzen, macht sie es anders. Sie bietet das „Du“ an, fragt aber immer erst: „Ist das okay für dich? Du musst dich nicht von jedem duzen lassen.“ Ihr ist der Spruch eines Kollegen im Kopf geblieben: „Wenn der Respekt im ‚Du‘ fehlt, war er im ‚Sie‘ auch nie vorhanden.“

Für kleinere Betriebe

Eine Woche mit 90 Azubis – das können nur große Unternehmen stemmen. Aber auch mit weniger Aufwand können Betriebe zeigen, dass sie Azubis nicht nur als Lernende sehen, sondern auch als Menschen. „Menschlichkeit“, sagt Klumb, „ist das Wichtigste.“

Ein Tagesausflug kann schon viel bewegen. Egal ob Kletterpark, Escape Room oder einfach Grillen am See. Hauptsache, alle sind dabei. Vor allem die Chefs und Ausbildenden. Die Azubis sehen dann: Mit denen kann man auch lachen und Spaß haben.

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