Der Fachkräftemangel zwingt die Betriebe in einen Wettstreit um junge Menschen: Viele glauben, sie müssten mit verlockenden Angeboten werben. Warum er davon abrät, erklärte der Generationenforscher Dr. Rüdiger Maas bei den Würzburger Karosserie- und Schadenstagen.
„Die Jungen sind ein Spiegelbild von uns allen“: Dr. Rüdiger Maas räumte bei den Würzburger Karosserie- und Schadenstagen mit gängigen Vorurteilen auf.
(Bild: stefan bausewein)
Wie jede Generation sei auch die junge vielfältig und in sich unterschiedlich. Dennoch hätten die Älteren den Eindruck, alle zusammen nicht mehr zu verstehen, eröffnete Dr. Rüdiger Maas, Gründer des Instituts für Generationenforschung, seinen Vortrag bei den Würzburger Karosserie- und Schadenstagen. Das sei an sich nicht neu oder verwunderlich, so Maas weiter. Es scheine vielmehr dazuzugehören, dass ältere Generationen die Jugend kritisch sähen. Der springende Punkt sei der: Nie zuvor hätten sich die Älteren so sehr dafür interessiert, wie die Jungen ticken.
Dabei gebe es eine weitere Besonderheit: Zum ersten Mal in der Geschichte wollten Jung und Alt in der Arbeitswelt das Gleiche. Work-Life-Balance, Teilzeitmodelle und 4-Tage-Woche seien keine Erfindungen der jungen Generation, sondern Entwicklungen, die die Älteren angestoßen hätten. „Wir sind gesamtgesellschaftlich bequemer geworden“, so Maas. Neu sei nur, dass junge Menschen diese Rechte von Beginn an einforderten und nicht erst nach Jahren der Berufserfahrung.
Die Gesellschaft habe sich aber auch in anderer Hinsicht verändert, führte Maas weiter aus: Ein heute 50-Jähriger fühle sich wie ein 40-Jähriger vor zehn Jahren. Vor allem die Menschen mittleren Alters wollten nicht mehr alt sein. Und genau da beginne ein Konflikt: Die Jungen störten in diesem Selbstbild – einfach, weil sie nicht alt seien.
Der Arbeitsmarkt steht Kopf
Parallel dazu hat sich auch der Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Boomer, verlassen den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig startet die zahlenmäßig kleinste Altersgruppe der 16- bis 27-Jährigen ins Berufsleben. Das führt dazu, dass es mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze als Bewerbende gibt. Das Handwerk spürt diesen Fachkräftemangel ganz besonders, auch weil immer noch mehr junge Menschen ein Studium als eine handwerkliche Ausbildung anstreben.
Nie zuvor gab es einen Arbeitnehmermarkt, und die Folgen sind spürbar: Wer Nachwuchskräfte für seinen Betrieb gewinnen will, legt sich oft mächtig ins Zeug. Was aus Sicht der Jugendlichen positiv erscheinen mag, hat laut Maas auch eine Schattenseite: je größer die Auswahl an Arbeitsplätzen, desto höher die Ansprüche und desto größer die Unzufriedenheit. „Viele fangen irgendwo an und haben das Gefühl, da gibt's noch was viel Besseres“, berichtet Maas.
Wenn Eltern zu viel abnehmen
Die Wurzel vieler Probleme sieht Maas in der Erziehung. Eltern räumten ihren Kindern heute jeden Stein aus dem Weg – mit fatalen Folgen. Die jungen Menschen entwickelten, was Psychologen als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnen. Dieses auf Martin Seligman zurückgehende Konzept beschreibt, wie Menschen immer weniger Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln, wenn sie wiederholt erleben, dass andere ihre Probleme lösen.
Diese überbehütende Erziehung setze sich im Ausbildungsalltag fort. „Das kann ich nicht, das hat mir niemand gezeigt“, diese typische Aussage junger Menschen sei keine Ausrede, so Maas, sondern spiegele ihre Sozialisation wider. Statt eigenständig Lösungen zu suchen, erwarteten viele sofortige Unterstützung: „Ich will wahrgenommen werden und glänzen können. Was ich nicht kann, wird im Team gelöst.“
Auch die Erwartungen an Vorgesetzte zeigten diese Prägung: „Mein Chef soll immer erreichbar sein, ich möchte aufgenommen werden wie in eine Familie – aber ohne adoptiert zu werden.“ Diese Haltung spiegele sich auch in den Zahlen wider, die der Generationenforscher erhoben hat: 88,4 Prozent der jungen Menschen legten Wert auf ein angenehmes Arbeitsklima. Das böte vor allem Familienbetrieben gute Chancen, bei der jungen Generation zu punkten.
Anders werben und besser ankommen
Dass Betriebe mit verlockenden Angeboten womöglich das Gegenteil dessen erreichen, was sie beabsichtigen, zeigt ein Beispiel der Bereitschaftspolizei Deggendorf. Sie warb für ein Praktikum mit Angeboten wie; „Du darfst den Wasserwerfer schießen“, „mit Blaulicht fahren“ etc. Das Ergebnis: keine einzige Bewerbung. Die Polizei änderte daraufhin ihre Strategie grundlegend. Statt Privilegien anzubieten, formulierte sie klare Anforderungen: „Du musst mit dem Wasserwerfer schießen“, und „das ist das härteste Praktikum Deutschlands, wir nehmen nur die Besten“ – die Bewerberzahl stieg um 500 Prozent.
„Wir wundern uns, dass Jugendliche so viel fordern“, sagt Maas, „aber wir bieten es auch an.“ Seine Empfehlung lautet daher, das Gegenteil zu tun. Keine übertriebenen Angebote zu machen, sondern die jungen Menschen herauszufordern, denn: „Wir nehmen ihnen die Motivation und den Stolz, wenn wir alles für sie machen.“
Stand: 08.12.2025
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Wer ausbildet, muss führen können
Aus seinen Beobachtungen und am Beispiel der Deggendorfer Bereitschaftspolizei leitet Maas konkrete Handlungsempfehlungen ab: Statt mit übertriebenen Versprechen zu werben und sich zu verbiegen, sollten Ausbildungsbetriebe klar kommunizieren, was sie von ihren Nachwuchskräften erwarten und was sie ihnen im Gegenzug bieten.
Besonders wichtig sei dabei die Führungskompetenz der Ausbildenden. Während schlechte Führungskräfte früher noch toleriert wurden, hätten junge Menschen heute Alternativen. „Wenn sie merken, da hat's ein Ausbilder nicht drauf, gehen sie einfach zu einer anderen Firma", weiß Maas. Seine Forderung ist entsprechend deutlich: Schlechte Führungskräfte müssten ausgetauscht werden, weil man sich sonst die Zukunft für und mit der nächsten Generation verbaue.
Der erfolgreiche Umgang mit unterschiedlichen Generationen erfordere vor allem eines: mehr Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, verschiedene Sichtweisen und scheinbare Widersprüche auszuhalten. „Wir müssen andere Meinungen zulassen und in Konflikten klarer kommunizieren, statt in einer Grauzone zu verharren“, betont Maas. Die heutige Generation der Ausbildenden und Führungskräfte habe dabei eine besondere Verantwortung: Sie sei die letzte, die sowohl die digitale als auch die analoge Welt aus eigener Erfahrung kenne.
Brücken schlagen für morgen
Maas geht davon aus, dass sich die Arbeitswelt grundlegend wandeln wird: In den nächsten zehn Jahren werde es wahrscheinlich 50 Prozent der heutigen Jobs nicht mehr geben. Die Generation nach der Generation Z werde zu etwa 65 Prozent in Berufen arbeiten, die heute noch gar nicht existierten. Diese Entwicklung stelle besondere Anforderungen an beide Seiten: Die Jüngeren müssten Tätigkeiten ohne Vorerfahrungen lernen und die Älteren sich auf völlig neue Arbeitsweisen einlassen.
Es sei besonders wichtig, die Jüngeren jetzt in die Betriebe zu integrieren und Brücken zu schlagen, betont Maas, denn die nächste Generation werde man noch weniger verstehen. Das sei wie ein Dominoeffekt - wenn ein Stein fehle, breche die Verbindung ab.