Nachwuchsgewinnung Der Schulabschluss wird überbewertet

Von Sybille Weinschenk 5 min Lesedauer

Der Fachkräftemangel ist auch im Handwerk spürbar. René Gravendyk, Inhaber der Auto van Aal OHG verrät, wie er dieser Entwicklung gegensteuert. Gravendyk ist nicht nur Betriebsinhaber, sondern auch Vorsitzender des Berufsbildungsaus­schusses (BBA) und Obermeister der Kfz-Innung Niederrhein.

René Gravendyk mit seinen Azubis und zwei Praktikanten. Von links: Sylva Ekweleme (Azubi), Noah Bitterhoff (Praktikant), René Gravendyk, Justus Paessens (Azubi) und Max Gärtner (Praktikant).     (Bild:  Zietz – VCG)
René Gravendyk mit seinen Azubis und zwei Praktikanten. Von links: Sylva Ekweleme (Azubi), Noah Bitterhoff (Praktikant), René Gravendyk, Justus Paessens (Azubi) und Max Gärtner (Praktikant).
(Bild: Zietz – VCG)

Herr Gravendyk, Sie sind Inhaber der Auto van Aal OHG in Goch. Aktuell beschäftigen Sie in Ihrem Betrieb zwei Auszubildende. Ist das richtig?

René Gravendyk: Das ist richtig, zwei Auszubildende und drei Praktikanten: Ich habe einen Langzeitpraktikanten im Büro und zwei Praktikanten in der Werkstatt. Einer der beiden ist im Rahmen eines dreiwöchigen Praktikums täglich hier, der andere über einen längeren Zeitraum tageweise.

Wie sind Sie zu Ihren Auszubildenden gekommen?

Über persönliche Kontakte. Beide Azubis haben zunächst als Praktikanten begonnen.

Der eine ist 17 Jahre alt, stammt aus der Gegend und ist der Sohn eines Bekannten von einem meiner Mitarbeiter. Er war Hauptschüler ohne einen Abschluss und ist damals auf ein Berufskolleg gegangen, weil er seine Vollzeitschulpflicht noch nicht erfüllt hatte. Während des Praktikums hat er sich aber super entwickelt.

Der zweite Azubi stammt aus dem Kongo, ist bereits 30 Jahre alt und über eine christliche Gemeinschaft nach Goch gekommen. Auch er hat zunächst ein Praktikum bei uns gemacht. Weil er kein EU-Bürger ist, brauchte er vor seiner Ausbildung eine Arbeitserlaubnis. Ich habe ihm dabei geholfen, die Unterlagen zu beantragen.

Das Praktikum war also die Eintrittskarte für die Ausbildung?

Definitiv! Wir haben im laufenden Schuljahr noch mehr Praktikanten, mindestens einen pro Monat, manchmal auch zwei oder drei gleichzeitig. Außer im April glaube ich. Aber da geht sicherlich noch was: Manche kommen freitagmittags und fragen nach einem Praktikumsplatz. Wenn ich dann wissen möchte ab wann, sagen sie: „Ab Montag …“.

So viele Praktikanten können Sie unmöglich selbst übernehmen. Gelingt es Ihnen, den Nachwuchs fürs Kfz-Gewerbe zu begeistern und weiterzuvermitteln?

Als Obermeister der Innung Niederrhein habe ich tatsächlich die Möglichkeit, dem einen oder anderen einen Tipp zu geben, wo er sich bewerben könnte. Das heißt zwar nicht, dass er deswegen automatisch irgendwo unterkommt, aber die jungen Leute merken zumindest, dass wir uns um sie kümmern. Es kommt nicht selten vor, dass ich Gesellenprüfungen von Azubis unterschreibe, deren Namen ich wiedererkenne, weil sie irgendwann mal Praktikanten bei mir waren. Das ist wirklich schön!

Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Praktikanten oder Auszubildenden?

Im Prinzip ist es mir egal, wo potenzielle Mitarbeiter herkommen. Viel wichtiger ist mir, wo sie hinwollen. Auch der Schulabschluss spielt für mich keine Rolle: Hautschule, Realschule oder Gymnasium – alles kann recht sein.

Ich behandele jeden von Anfang an auf Augenhöhe und integriere ihn vernünftig in den betrieblichen Alltag. Wenn es menschlich passt, passt es irgendwann auch fachlich. Bei uns muss auch niemand die berüchtigte Kolbenrückholfeder einbauen oder die WLAN-Waage holen.

Sie haben offensichtlich kein Problem, genügend Nachwuchskräfte zu finden. Anderen Betrieben scheint das mitunter weniger gut zu gelingen. Es gibt Ausbilder und Betriebsinhaber, die sich beschweren, viele junge Menschen seien nicht mehr ausbildungsfähig. Was sagen Sie dazu?

Es ist schon so, dass die Einstiegsvoraussetzungen nicht mehr so sind, wie noch vor 20 Jahren. Aber ich glaube, man muss sich auch mal fragen, woran das liegen kann. Ich persönlich denke, dass sich unser Bildungssystem am schwächsten Drittel einer Klasse orientiert und orientieren muss, damit niemand abgehängt und vergessen wird. Das hat zwangsweise zur Folge, dass manche Grundqualifikationen nicht mehr gegeben sind. Trotz allem haben wir tolle junge Menschen, die im Kfz-Gewerbe arbeiten wollen.

Wie können Betriebe mit Azubis umgehen, denen die eine oder andere Grundqualifikation fehlt?

Wir müssen uns vielleicht ein bisschen mehr um sie bemühen, ihnen gewisse Grundtugenden mitgeben. Wenn jemand beispielsweise unpünktlich ist, kann ich mit erhobenem Zeigefinger reagieren oder ihn vor den anderen bloßstellen. Ich kann ihn aber auch ruhig zur Seite nehmen und ihm erklären, warum das den anderen gegenüber unfair ist. Damit kommt man viel weiter.

Die Initiative AutoBerufe hat verschiedene Maßnahmen entwickelt, um Autohäuser und Kfz-Werkstätten bei der Nachwuchssuche zu unterstützen – unter anderem einen digitalen Werkzeugkasten. Was sagen Sie dazu?

Ich finde, dass die Abteilung Berufsbildung vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK), die ja Teil dieser Initiative ist, mit ihren Maßnahmen, Projekten und Programmen ganz weit vorne ist. Sie können für viele Ausbildungsbetriebe ein zusätzliches Instrument sein, um Auszubildende und geeignete Mitarbeiter zu finden.

Damit allein ist es allerdings nicht getan. Die Betriebe müssen auch eine vernünftige Aus- und Weiterbildung anbieten. Hierbei unterstützt die Initiative AutoBerufe ebenfalls.

Zu guter Letzt ist es wichtig, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter vernünftig an den Betrieb binden. Es ist ganz entscheidend, welche Perspektive ich jungen Menschen gebe.

Wie binden Sie Ihre Mitarbeiter?

Ich gebe meinen Mitarbeitern die Möglichkeit, sich kontinuierlich weiterzubilden. Einer meiner jungen Gesellen etwa hat jetzt seine Servicetechnikerausbildung gemacht. Danach wird er sicher mit der Meisterschule oder der Diagnosetechnikerausbildung weitermachen. Und mein Serviceberater im kaufmännischen Bereich hat sich zum Geprüften Automobilberater weitergebildet.

Das ist eine gute Überleitung: In einer kürzlich erschienenen Studie wurden fehlende Karrieremöglichkeiten als einer der Hauptgründe genannt, warum das Handwerk für viele junge Menschen unattraktiv geworden sei. Ist das Kfz-Gewerbe davon ausgenommen?

Meiner Meinung nach ja. Gerade im Kfz-Gewerbe gibt es unzählige Weiterbildungsangebote und damit verbundene Karrieremöglichkeiten. Die Ausbildung zum Servicetechniker und zum Meister etwa sind zwei großartige und nachgefragte Klassiker. Auch die Hersteller bieten regelmäßig Fortbildungen an. Und dann gibt es noch die Akademie des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (TAK), die ebenfalls Seminare zu verschiedenen Themen anbietet, wie etwa die Hochvoltschulungen.

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Was können Sie uns zu dem noch neuen Titel „Master Professional“ sagen?

Mitarbeitende im Kfz-Handwerk können nach einer erfolgreichen Meisterprüfung eine gehobene Karrierestufe erklimmen und den Abschluss Master Professional machen. Das ist das handwerklich geprägte Gegenstück zum akademischen Mastertitel. Bislang gibt es ihn aber nur für den Restaurator, der ja vor allem im Bereich Old- und Youngtimer tätig ist.

Zukünftig wird dieser Abschluss ganzheitlicher ausgestaltet sein. Die Lehrpläne dafür sind aktuell in der Sachverständigenarbeit, das heißt, die Ausbildungsinhalte werden gerade mit Leben gefüllt. Anschließend geht es dann noch um die Prüfungsverordnung. Ich bin guter Dinge, dass wir im ersten Halbjahr dieses Jahres einen festen Zeitstrahl für die weitere Entwicklung nennen werden und ab 2025 vielleicht schon die ersten Masterschüler (!) – nicht Meisterschüler – mit der Weiterbildung starten können.

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