Umweltschutz Ein Autoleben lang

Von Johannes Büttner 6 min Lesedauer

Entscheidend ist nicht nur, was hinten rauskommt. Um die Umwelt- und Klimaverträglichkeit eines Fahrzeugmodells zu beurteilen, muss man viele Faktoren unter die Lupe nehmen. Genau das macht die europäische Initiative Green NCAP.

In einem aufwändigen mehrstufigen Verfahren misst Green NCAP die Emissionen.(Bild:  Green NCAP, © SofiaLyla - adobe.stock.com; [M] VCG)
In einem aufwändigen mehrstufigen Verfahren misst Green NCAP die Emissionen.
(Bild: Green NCAP, © SofiaLyla - adobe.stock.com; [M] VCG)

Wie umweltfreundlich und sauber ist ein Fahrzeugmodell? Ganz oben auf der Prioritätenliste steht diese Frage zwar nur bei wenigen Kunden, wenn es um die Wahl des nächsten Autos geht. Als eines von mehreren Kriterien spielt die Umweltfreundlichkeit aber bei vielen durchaus eine wichtige Rolle.

Da wäre es hilfreich, wenn eine neutrale Instanz objektive Informationen zu diesem Thema liefern würde. Denn gewisse Mindeststandards muss jedes Fahrzeug erfüllen, um überhaupt eine Typgenehmigung und damit eine Straßenzulassung zu erhalten. Doch innerhalb dieses rechtlich erlaubten Rahmens ist die Bandbreite noch immer groß. Hersteller, die über die Mindeststandards der Zulassungsprüfungen hinausgehen, werden jedoch nicht belohnt.

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Wer sich beim Fahrzeugkauf also bewusst für ein umweltfreundliches Auto entscheiden möchte, braucht nicht auf die gesetzlichen Prüfungen zu hoffen oder kann sie nur als ersten Ausgangspunkt nehmen. Wenn der Käufer mehr wissen möchte, könnte er sich im nächsten Schritt prinzipiell bei den Herstellern informieren – aber die sind naturgemäß nicht neutral.

Ganz im Gegensatz zu einer Instanz, die bereits seit sechs Jahren die Umwelteinflüsse von Fahrzeugmodellen professionell und objektiv überprüft: Die Initiative Green NCAP (New Car Assessment Programme) bewertet die Umweltfreundlichkeit von Pkw nach einheitlichen Standards. Beurteilungskriterien sind die Kategorien Schadstoffemissionen, Kraftstoff-/Energieverbrauch sowie klimaschädliche Treibhausgase.

Hinter Green NCAP stehen verschiedene Institutionen aus mehreren europäischen Ländern. Aus Deutschland sind zum Beispiel der ADAC, das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) oder die Dekra dabei. Die internationalen Partner arbeiten bereits seit Jahrzehnten im Dienst der Fahrzeugsicherheit zusammen. Die Sterne, mit denen Euro NCAP die Sicherheit einzelner Pkw-Modelle bewertet, sind in der Branche schon lange anerkannt.

Batterie schlägt Verbrenner

Green NCAP hat die fünf Fahrzeuge mit der besten Ökobilanz 2024 ausgezeichnet – allesamt sind Elektromodelle. Die geringsten Umweltauswirkungen während der gesamten Lebensdauer weisen demnach die Modelle BYD Dolphin, Hyundai Kona, Jeep Avenger, Opel/Vauxhall Corsa und Tesla Model 3 auf.

Infrage kamen generell nur Fahrzeuge mit Treibhausgasemissionen von maximal 100 g CO2-Äqivalent/km. Von den 18 im vergangenen Jahr getesteten Elektrofahrzeugen erfüllten letztlich nur fünf dieses Kriterium. Entscheidend für das Unterschreiten des Schwellenwerts waren kleine Batterien, die weniger energieintensiv in der Produktion sind. Übrigens: Autos mit Verbrennungsmotor kamen nicht einmal in die Nähe der Schwelle – die besten lagen bei 125 Gramm pro Kilometer, der Durchschnitt betrug 235 Gramm (E-Autos: 112,8 Gramm).

Die Ergebnisse bestätigen laut Green NCAP zugleich den Trend, dass sich reine Elektrofahrzeuge kontinuierlich verbessern. Bei den Emissionen konventioneller Fahrzeuge, die mit fossilen Kraftstoffen betrieben werden, stellte Green NCAP keine Verbesserungen fest. Grundsätzlich sei aber kein Fahrzeug frei von Umwelteinflüssen.

Im Labor und auf der Straße

Ähnliches gibt es inzwischen für Umweltaspekte. Green NCAP führt im Labor und im realen Straßenbetrieb Messungen durch und vergibt danach null bis fünf Sterne. Eine Null-Sterne-Bewertung signalisiert, dass ein Fahrzeug gerade so die gesetzlichen Mindeststandards erfüllt. Im Gegensatz dazu stehen fünf Sterne für eine hervorragende Gesamtleistung mit sehr geringem Kraftstoff- oder Energieverbrauch und gleichzeitig einem geringen Ausstoß an Schadstoffen und Treibhausgas.

Wichtig: Die Bewertung bezieht sich stets nur auf genau die getestete Fahrzeugvariante. Ein verwandtes Modell mit zum Beispiel etwas höherer oder niedrigerer Motorleistung kann schon wieder ganz anders abschneiden.

Bei den Labortests werden neben den Standard-Abgaskomponenten Kohlenmonoxid (CO), Kohlenwasserstoffe (HC), Stickoxide (NOx), Partikelanzahl (PN10) und Partikelmasse (PM) auch nicht limitierte Schadstoffe wie Ammoniak (NH3) und Lachgas (N2O) gemessen und bewertet.

Außerdem wurde das Prüfverfahren schon einmal verschärft, seit es im Jahr 2019 eingeführt wurde: Um noch genauere Ergebnisse zu erzielen, wendet Green NCAP für seine Abgastests inzwischen ein zweistufiges Verfahren an. Auf diese Weise will die Organisation die saubersten der sauberen Modelle ermitteln.

Das aktuelle Vorgehen beschreibt der ADAC folgendermaßen: Zunächst müssen alle Testautos dreimal auf den Prüfstand und einmal auf die Straße. Nur die Autos, die in diesen Basistests in jeder der drei Kategorien mindestens 3,5 von 10 Punkten und zudem im Durchschnitt mindestens 5 Punkte holen, qualifizieren sich für die zweite Runde. Hier müssen sie sich vier weiteren Tests stellen und beweisen, dass ihre gute Leistung dauerhaft und unter erschwerten Bedingungen Bestand hat.

Zunächst durchlaufen sie in dieser zweiten Stufe einen Testzyklus bei einer Temperatur von minus 7 Grad Celsius. Nur Fahrzeuge mit einer äußerst robusten Abgasnachbehandlung haben eine Chance, in diesem Verfahren zu bestehen. Zudem geht es noch drei weitere Male raus auf die Straße. Hier runden Fahrten mit einer hohen Zuladung und sport­licher Fahrweise sowie Tests mit einer möglichst sparsamen Fahrweise oder auch eine Simulation des Verhaltens im Stau die zweite Teststufe ab.

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Was vor dem Tank passiert

Bei der Messung der Schadstoffe und des Verbrauchs können und sollen sämtliche Tests nur die Emissionen und den Energiebedarf während des Fahrbetriebs ermitteln. Dies wird als „Tank-to-Wheel“-Bewertung bezeichnet. Die Analyse der emittierten Treibhausgase basiert hingegen auf der Summe der Auspuff- sowie der sogenannten Upstream-Emissionen.

Diese Upstream-Emissionen beziehen sich auf die Prozesse, die für die Bereitstellung der vom Fahrzeug genutzten Energie notwendig sind. Solche Prozesse sind beispielsweise schon die Gewinnung von Rohöl und der Bau von Raffinerien oder auch Kraftwerken für erneuerbare Energien. Auch die Ressourcen, die für den Betrieb dieser Anlagen benötigt werden, fließen in die Analyse ein. Gleiches gilt schließlich für Aufbau und Unterhalt des Netzes an Tankstellen und Ladesäulen.

Da sich diese Upstream-Treibhausgasemissionen nicht einem einzelnen Fahrzeug zuordnen lassen, muss man hier mit Durchschnittswerten kalkulieren, die anteilig auf die Autos umgelegt werden. Green NCAP setzt für die vergleichende Betrachtung eine nominelle Fahrzeuglebensdauer von 16 Jahren und eine Gesamtfahrleistung von 240.000 Kilometern an. Die Berechnungen basieren auf der aktuellen Prognose über den durchschnittlichen Energiemix der EU-Staaten sowie Großbritanniens.

Den Ansatz, sowohl die Emissionen zu berücksichtigen, die das Auto im Straßenverkehr verursacht, als auch die Emissionen, die in den vorgelagerten Prozessen zur Bereitstellung der Energie anfallen, bezeichnet Green NCAP als „Well-to-Wheel+“.

Doch auch damit sind noch nicht alle Energie- und Umwelteinflüsse erfasst, die im Laufe eines Autolebens anfallen. Wer den gesamten Lebenszyklus im Blick haben will, muss auch die Produktion sowie am Ende die Verwertung des Fahrzeugs in seine Betrachtung einbeziehen. Genau das tut die Ökobilanz (englisch: Life Cycle Assessment, LCA) von Green NCAP.

Die gesamte Ökobilanz

Weil die gesamte Ökobilanz deutlich schwieriger zu ermitteln ist als bloße Abgasuntersuchungen und Verbrauchswerte, ist sie bislang nicht in die Sterne-Bewertung von Green NCAP eingeflossen. Stattdessen hat die Organisation eine interaktive LCA-Plattform entwickelt. Unter greenncap.com/lca-german.php können Interessenten den Energiebedarf und die Treibhausgasemissionen eines Fahrzeugs über den gesamten Lebenszyklus ermitteln und verschiedene Modelle und Antriebsarten miteinander vergleichen.

Dabei können die Vergleichsparameter an die lokalen und persönlichen Gegebenheiten angepasst werden; hierzu zählen jährliche Fahrleistung und Strommix. Je nach Bedarf und Bedingungen können bis zu drei Fahrzeugmodelle miteinander verglichen werden. Das Tool bietet außerdem die Möglichkeit, den ökologischen Fußabdruck des Fahrzeugs in verschiedenen europäischen Ländern zu untersuchen, und zeigt so die Vorteile eines höheren Anteils an erneuerbarem Strom auf.

Zudem kürte Green NCAP bislang jährlich die Fahrzeuge mit der besten Ökobilanz mit dem LCA-Award (siehe Kasten) – in diesem Frühjahr allerdings zum letzten Mal. Ab dem Sommer 2025 fließen die LCA-Ergebnisse in die regulären Sterne-Bewertungen ein. Das soll dazu beitragen, dass sich Verbraucher und Hersteller mit den gesamten Umweltauswirkungen eines Fahrzeugs beschäftigen, statt sich allein auf die Abgasemissionen zu konzentrieren.

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