Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche Was bringt die Vier-Tage-Woche?

Von Sybille Weinschenk 5 min Lesedauer

Mehr Produktivität und zufriedenere Mitarbeitende – das erhofften sich 41 Unternehmen und Organisationen, die an der bisher größten Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche teilnahmen. Haben sich die Hoffnungen erfüllt?

Unternehmen, die junge und engagierte Nachwuchskräfte suchen, können mit der Vier-Tage-Woche punkten.(Bild:  Günter Menzl - stock.adobe.com)
Unternehmen, die junge und engagierte Nachwuchskräfte suchen, können mit der Vier-Tage-Woche punkten.
(Bild: Günter Menzl - stock.adobe.com)

Wie wird ein Unternehmen attraktiver für Mitarbeitende? Wie kann es die Gesundheit der Belegschaft fördern? Und wie bleibt es dabei erfolgreich und zukunftssicher? Diese Fragen stellen sich viele Unternehmen. Antworten darauf liefert eine groß angelegte Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche. Kann dieses alternative Arbeitszeitmodell die Lösung sein? Oder handelt es sich um einen vorübergehenden Hype, der den Erwartungen nicht gerecht wird?

Weltweit wurden bereits ähnliche Studien zur Vier-Tage-Woche durchgeführt, die Auswirkungen auf Produktivität, Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeitenden sowie Gesundheit und Work-Life-Balance untersucht haben. Diese internationalen Erfahrungen dienen als Hintergrund für die bisher größte Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche in Deutschland, an der 41 Unternehmen und Organisationen teilnahmen.

Mit weniger Stress zu stabilen Zahlen

Als Hauptgründe, die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt testen zu wollen, gaben die teilnehmenden Unternehmen an, dass sie als Arbeitgebende attraktiver werden wollten (89 %), die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden verbessern (77 %), die Produktivität steigern (57 %) und sich besser auf die Zukunft ausrichten wollten (37 %). Vielen Unternehmen ist es laut Aussage von Studienleiterin Julia Backmann gelungen, die Zahl ihrer Bewerbungen deutlich zu steigern. Außerdem ließen sich in den teilnehmenden Betrieben leichte Steigerungen bei Umsatz und Gewinn feststellen.

Mitarbeitende mit Vier-Tage-Woche hatten weniger Stress als die Kontrollgruppe.(Bild:  Lehrstuhl für die Transformation der Arbeitswelt – [M] autoFACHMANN)
Mitarbeitende mit Vier-Tage-Woche hatten weniger Stress als die Kontrollgruppe.
(Bild: Lehrstuhl für die Transformation der Arbeitswelt – [M] autoFACHMANN)

Doch nicht nur die wirtschaftlichen Ergebnisse sind beachtenswert; auch die Mitarbeitenden profitierten körperlich und mental von der Vier-Tage-Woche. Sie berichteten, dass sie weniger Stress und Burnout-Anzeichen hätten. Neben diesen subjektiven Angaben wurden physiologische Daten wie Herzfrequenzvariabilität, Schrittzahl und Schlafdauer über Smartwatches erfasst: Die Stressdaten waren in der Vier-Tage-Gruppe geringer als bei den Mitarbeitenden, die weiterhin fünf Tage arbeiteten. Außerdem bewegten sich die Teilnehmenden mehr und schliefen im Vergleich zur Kontrollgruppe länger – durchschnittlich 38 Minuten pro Woche.

Harte Arbeit und smarte Lösungen

Um die Arbeit in weniger Zeit zu schaffen, stellten zwei Drittel der Unternehmen ihre Prozesse um. Die Hälfte habe Meetings gestrichen oder gekürzt. In einem Drittel der Firmen erhielten die Mitarbeitenden mehr Zeit für konzentriertes Arbeiten. Ein Viertel setzte auf mehr Digitalisierung und Software.

Nach Aussage von Carsten Meier, Co-Initiator der Studie, schlummert das Potenzial der Vier-Tage-Woche unter zu vielen Meetings, zu komplizierten Prozessen und vielleicht auch noch zu geringer Digitalisierung. Er betont gleichzeitig, dass es keine positiven Ergebnisse auf Knopfdruck gebe. Ganz im Gegenteil – die Organisationen müssten hart arbeiten, um die Vier-Tage-Woche dauerhaft umsetzen zu können.

Unterschiedliche Modelle in allen Betriebsgrößen

Die teilnehmenden Unternehmen kamen aus unterschiedlichen Branchen, auch Handwerksbetriebe waren vertreten. Kleine Unternehmen (10 bis 49 Beschäftigte) stellten mit 54 % den größten Anteil, gefolgt von mittelgroßen Unternehmen (19 %) und großen Organisationen (14 %). Sehr kleine Betriebe mit weniger als 10 Mitarbeitenden machten 13 % der Stichprobe aus. Die Mehrheit der Unternehmen (51 %) startete planmäßig im Februar 2024 in die sechsmonatige Pilotphase, einige (13 %) begannen früher, andere (35 %) später.

Dabei setzten die teilnehmenden Organisationen unterschiedliche Arbeitszeitmodelle um. Ein Drittel führte eine echte Vier-Tage-Woche mit 20 % weniger Arbeitszeit bei vollem Gehalt ein (100-80-100-Modell), während die übrigen Unternehmen geringere Reduzierungen vornahmen. Im Durchschnitt sank die Wochenarbeitszeit um etwa vier Stunden, was einem halben Arbeitstag entspricht.

Kein Patentrezept

Wenngleich die Vier-Tage-Woche in vielen Fällen gut funktioniert, lässt sich vor allem das 100-80-100-Modell nicht über jeden Betrieb stülpen. Um Kundenbedürfnisse zu berücksichtigen, sind Unternehmen gefordert, flexibler zu sein und ihre Arbeitszeitmodelle individuell anzupassen. Laut Backmann gehe es bei der Studie auch nicht darum, flächendeckend und über alle Branchen hinweg die Vier-Tage-Woche einzuführen. Es sei vielmehr eine Möglichkeit, innovative Arbeitszeitmodelle und ihre Wirkung zu testen.

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Ein Beispiel dafür, dass dies auch in der Kfz-Branche funktioniert, ist das Autohaus Markötter aus Gütersloh, das jedoch nicht an der Studie teilgenommen hat. Dieses Unternehmen hatte bereits im Januar 2023 eine Vier-Tage-Woche eingeführt: Die Mitarbeitenden arbeiten 36 Stunden bei vollem Gehalt und können die Zahl ihrer Arbeitstage alle sechs Monate ändern. Trotz anfänglicher Skepsis stieg die Zustimmung der Mitarbeitenden von anfangs 30 % auf bis zu 80%. Außerdem führte die Einführung zu einer signifikanten Senkung der Krankheitsrate sowie zu einer dreifachen Steigerung der Bewerbungen. Der kfz-Betrieb berichtete im Juli darüber.

Gab es deutsche Besonderheiten?

Im internationalen Vergleich wird die Einführung der Vier-Tage-Woche in Deutschland auch im Kontext des Fachkräftemangels diskutiert. Während in anderen Ländern der Fokus auf Produktivitätssteigerung und Work-Life-Balance lag, stehen hierzulande die langfristige Fachkräftesicherung und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund.

Ein weiterer Unterschied war die aktive Einbindung der Betriebsräte in den Prozess der Arbeitszeitumstellung. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass die Einführung der Vier-Tage-Woche nicht allein eine Entscheidung des Managements blieb, sondern auch die Interessen der Mitarbeitenden einbezogen wurden. Diese Form der Mitbestimmung ist in anderen Ländern weniger verbreitet.

Im Unterschied zu den Studien in anderen Ländern erhielten die Teilnehmenden nicht nur Fragebögen, sondern wurden auch ausführlich interviewt und in ihren Unternehmen besucht, um die Veränderungen besser zu verstehen. Zusätzlich wurden Kontrollgruppen eingesetzt, um Mitarbeitende mit Vier-Tage-Woche direkt mit denen zu vergleichen, die weiterhin fünf Tage arbeiteten.

Wie fällt das abschließende Urteil aus?

In den meisten Unternehmen lief die Vier-Tage-Woche gut, und viele wollen weitermachen. Von den 41 teilnehmenden Organisationen haben 39 % die Vier-Tage-Woche nach dem Test dauerhaft eingeführt. Weitere 34 % der Unternehmen haben sich entschieden, die Testphase zu verlängern, um mehr Daten zu sammeln und die Auswirkungen besser bewerten zu können. 7 % sind noch unentschlossen, ob sie das Modell langfristig übernehmen wollen. 20 % der Organisationen haben die Vier-Tage-Woche abgebrochen, weil sie dadurch mehr Arbeit und administrativen Schwierigkeiten hatten.

Bei den Mitarbeitenden war die Vier-Tage-Woche sehr beliebt: 83 % gaben an, dass sie das Modell gerne fortsetzen möchten. Viele von ihnen schätzten besonders die bessere Work-Life-Balance, den geringeren Stress und die zusätzliche Freizeit. Zudem sagten 60 %, dass sie nur bei einer Gehaltserhöhung von mindestens 20 % zu einem Job mit einer traditionellen Fünf-Tage-Woche wechseln würden.

Mehr zu den Initiatoren der Studie

Die Non-Profit-Organisation „4 Day Week Global“ und die Berliner Unternehmensberatung „Intraprenör“ haben die Studie gemeinsam durchgeführt. Die wissenschaftliche Auswertung übernahm die Universität Münster unter der Leitung von Julia Backmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Transformation der Arbeitswelt, und der Co-Leitung von Felix Hoch, akademischer Rat des Lehrstuhls.

Der Mitinitiator „Intraprenör“ lebt die Vier-Tage-Woche auch intern. Weil das Beratungsunternehmen dieses Arbeitsmodell in ihrer eigenen Organisationsstruktur umsetzt, verfügt es über Erfahrungen aus erster Hand. Die Initiative „4 Day Week Global“ bringt internationale Expertise ein, weil sie bereits ähnliche Projekte in verschiedenen Ländern erfolgreich begleitet hat.

Wer mehr wissen möchte, gelangt hier zur englischen Zusammenfassung der deutschen Studie. Eine deutschsprachige Version ist derzeit noch nicht verfügbar.

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