Gurtpflicht in Deutschland Das rettende Band

Von Edgar Schmidt 3 min Lesedauer

Der Dreipunkt-Sicherheitsgurt zählt zu den Erfindungen, die den Menschen in den letzten 100 Jahren den größten Nutzen gebracht haben. Trotzdem weigerten sich anfangs viele Autofahrende, ihn anzulegen.

Dreipunkt-Sicherheitsgurte zählen seit Jahrzehnten zu den wirkungsvollsten Sicherheitssystemen im Auto.(Bild:  ADAC/Martin Hangen)
Dreipunkt-Sicherheitsgurte zählen seit Jahrzehnten zu den wirkungsvollsten Sicherheitssystemen im Auto.
(Bild: ADAC/Martin Hangen)

Der Dreipunkt-Sicherheitsgurt ist der Lebensretter Nummer eins in unseren Autos. Heute ist dieses Sicherheitselement auf allen Plätzen im Auto Standard. Das Anschnallen, um sich bei einem Unfall zu schützen, ist genauso selbstverständlich geworden wie das Zähneputzen am Morgen und am Abend, um Karies zu vermeiden.

Das war nicht immer so. Die Einführung der Gurtpflicht auf den Vordersitzen im Jahr 1976 hatte die Autofahrenden in zwei Lager gespalten: Viele waren der Meinung, angegurtet zu sein würde sie fesseln und ihrer Freiheit berauben.

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Wie ein Fall aus 10 Metern Höhe

Außerdem würde es die Gefahren noch erhöhen, weil sie sich beispielsweise nicht schnell genug abschnallen könnten, wenn das Auto nach einem Unfall im Wasser landen sollte. Sie glaubten zudem, sie könnten sich bei einem Unfall gut mit den Armen abstützen – obwohl auch damals bekannt war, dass die Aufprall­energie bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h, die sie abfangen müssten, einer Fallhöhe von rund 10 Metern entspricht.

Anfangs gab es nicht mal eine Strafe für Menschen, die unangeschnallt mit dem Auto fuhren. Und der Gurt war auch keine ganz neue Erfindung. Das Patent für den Dreipunkt-Sicherheitsgurt erhielt der Volvo-Ingenieur Nils Ivar Bohlin bereits 1959. Seit 1974 mussten zudem alle Autos in der BRD auf den Vordersitzen mit Dreipunktgurten ausgestattet sein.

Ein Bußgeld führte die Bundes­regierung erst im August 1984 ein, also vor rund 40 Jahren. Denn viele nutzen den Gurt nicht, obwohl er an Bord war. Die Anschnallquote außerhalb von Ortschaften lag bei gerade einmal 60 Prozent, innerorts erreichte sie sogar nur knapp über 40 Prozent. Erst das Bußgeld von damals 40 DM sorgte für ein Hochschnellen dieser Quote auf insgesamt mehr als 90 Prozent.

 Schnelle Erfolge 

Dass sich dieser Druck gelohnt hatte, zeigten die Erfolge der Maßnahme relativ schnell. Von 1984 bis 1985 sank die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Menschen von 10.199 auf 8.400, die Zahl der Schwerverletzten ging um rund 15.000 zurück. 1976, bei Einführung der Gurtpflicht, starben übrigens im Jahr noch fast 15.000 Menschen im Straßenverkehr. Zum Vergleich: 2023 gab es 2.839 Getötete im Straßenverkehr in Deutschland.

Allerdings war das Angurten anfangs noch nicht so komfortabel wie heute, da die Gurte in vielen Autos noch keine Aufrollautomatik hatten. Sie waren statisch und man musste ihre Länge von Hand einstellen. Um eine gute Schutzwirkung zu erreichen, mussten die Gurte relativ stramm sitzen. Dadurch hatten die Insassen tatsächlich nur noch wenig Bewegungsfreiheit und es war schon mühsam, den Knopf für die Senderwahl im Radio zu erreichen. Darum erhöhten die nach und nach in allen Fahrzeugklassen eingeführten Automatikgurte die Akzeptanz bei den Autofahrenden erheblich.

Die Fahrzeughersteller experimentierten auch mit Gurten, die so angebracht waren, dass sie sich automatisch anlegten, sowie mit automatischen Gurtbringern, die den Gurt anreichten, sobald sich jemand auf den Vordersitz gesetzt und die Zündung betätigt hatte. Diese Erfindungen konnten sich jedoch nicht durchsetzen.

 Gurtpflicht für alle 

Ab Mai 1979 mussten auch die Rücksitze mit Gurten ausgestattet sein, dort reichten anfangs noch reine Beckengurte. Erst ab Januar 1988 mussten die Hersteller auch die äußeren Sitze mit Dreipunktgurten ausstatten und zum 1. Juli 2004, also vor rund 20 Jahren, wurden Dreipunktgurte auf allen Sitzen im Auto zur Pflicht. Seit 10 Jahren ist die automatische Anschnall-Erinnerung in Neuwagen in der EU Pflicht.

Gurtkraftbegrenzer und Gurt- straffer haben die Wirksamkeit von Sicherheitsgurten inzwischen deutlich verbessert. Einige Hersteller haben auf den hinteren Sitzen sogar Gurte mit integrierten Airbags eingebaut, um deren Schutzfunktion weiter zu erhöhen.

Heute liegt die Anschnallquote zwar bei 99 Prozent. Rund 25 Prozent der bei einem Autounfall getöteten Fahrzeuginsassen waren jedoch nicht angeschnallt. Laut Analysen von Unfallforschern könnte die Zahl der Unfalltoten pro Jahr um rund 200 niedriger sein, wenn die Anschnallquote bei 100 Prozent läge. 

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