Bedienkonzepte Clean Desk im Auto

Von Edgar Schmidt 6 min Lesedauer

Autos bekommen immer mehr Funktionen. Gleichzeitig sollen die Innenräume aufgeräumt und edel wirken, was Hersteller und Zulieferer über glatte Flächen erreichen. Sie planen deshalb neue Bedienkonzepte mit Techniken, die Schalter, Taster und Anzeigen verstecken können sowie mit Sprachbedienung und KI.

Glatte Oberflächen und kaum 
Bedienelemente: BMW will in seiner „Neuen Klasse“ ein komplett neues Bedien- und Anzeigesystem einführen.(Bild:  BMW)
Glatte Oberflächen und kaum 
Bedienelemente: BMW will in seiner „Neuen Klasse“ ein komplett neues Bedien- und Anzeigesystem einführen.
(Bild: BMW)

Die Funktionen von Unterhaltungselektronik sowie von Komfort- und Sicherheitssystemen in Autos werden immer umfangreicher. Zugleich soll der Innenraum aber nicht mit Schaltern und Tastern zugepflastert sein und die Bedienung intuitiv und übersichtlich bleiben.

Das ist eigentlich kein neuer Trend, die Entwicklung hat durch neue Techniken aber noch einmal einen neuen Schub bekommen. Designer und Experten für Mensch-Maschine-Interaktion arbeiten bereits seit vielen Jahren mehr oder weniger erfolgreich an neuen Bedienkonzepten für Autos. Zuerst kamen Anfang der 2000er Jahre Dreh-Drücksteller auf, die die Schalterflut eindämmen sollten. Bei denen mussten Autofahrer erstmals lernen, dass ein Bedien- element viele verschiedene Funktionen erfüllen kann und dass man sich dafür durch verschiedenen Menüs durcharbeiten muss.

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BMW war hier Vorreiter, musste bei seinem ersten I-Drive aber eingestehen, dass die Entwickler übers Ziel hinausgeschossen waren. Andere Hersteller wie Audi waren hier nicht so forsch und kombinierten ihre Dreh-Drücksteller mit deutlich mehr herkömmlichen Schaltern und Tastern für häufig genutzte Funktionen. Solche Konzepte wurden damals von vielen Autofahrern als deutlich bedienungsfreundlicher empfunden.

Dann kamen erste Touchdisplays auf und noch etwas später sollte die Gestensteuerung die Bedienung im Auto verbessern. Auch die Sprachsteuerung hat in den vergangenen Jahren gute Fortschritte gemacht. Durchgesetzt hat sich aktuell die Displaytechnik in Verbindung mit der Sprachsteuerung. Denn das wirkt modern und ermöglicht zudem glatte Oberflächen, die edel wirken.

Wieder will BMW bei der Weiterentwicklung dieses Trends eine Vorreiterrolle übernehmen und seine „Neue Klasse“ ab 2025 konsequent mit solchen glatten Oberflächen und drastisch reduzierten Bedienelementen ausstatten. Alle wichtigen Funktionen sollen sich dann über ein Multifunktionslenkrad, ein zentral angeordnetes Display und Sprache bedienen lassen. Die Anzeige aller wichtigen Fahrinformationen erfolgt über zwei Head-up-Displays.

Das eine, „BMW Panoramic Vision“ genannt, kann Informationen auf die gesamte Breite der Windschutzscheibe an deren unteren Rand projizieren. Diese Inhalte sind für alle Passagiere sichtbar. Das zweite, ein 3D-Head-up-Display, versorgt nur den Fahrer mit Informationen zu Geschwindigkeit, assistiertem Fahren und Routenführung. Die Inhalte beider Displays sollen sich laut BMW über das Multifunktionslenkrad individuell einstellen lassen. Das Prinzip hinter dieser Bedienphilosophie lautet nach Angaben von BMW: „eyes on the road, hands on the wheel“.

Displays aus Holz

Displays und Schalter lassen sich bei der Shy-Tech auch mit halbtransparenten Werkstoffen auf Basis von Holz herstellen. Das ermöglicht besonders edel wirkende Oberflächen. Die dafür verwendeten 0,7 mm dünnen Holzplatten werden durch ein spezielles Fertigungsverfahren mithilfe von Nanotechnik lichtdurchlässig und bekommen gleichzeitig eine hohe Festigkeit wie Glas oder Stahl. Darüber hinaus sind sie anschließend nicht mehr entflammbar. Um die Oberfläche an die Form der Innenraumteile anzupassen, können die Bauteile thermisch verformt werden.

Keine langen Ablenkungen

Wichtig ist bei der neuen Bedienphilosophie nämlich, dass die Fahrer die Funktionen intuitiv und ohne lange abgelenkt zu sein bedienen können. Das ist bisher bei vielen displayorientierten Bedienkonzepten noch nicht der Fall. So hat beispielsweise die Unfallforschung der Überwachungsorganisation Dekra in einer Studie festgestellt, dass die Bedienung einer Funktion mittels Touchscreen ohne passende Benutzerführung und haptisches Feedback teilweise doppelt so lange dauert wie mit einem herkömmlichen Schalter. Denn die Fahrer wenden ihren Blick so lange von der Straße ab, bis sie das richtige Menü gefunden haben und sicher sind, dass die gewollte Einstellung auch geklappt hat.

Touchscreens mit intelligenter Benutzerführung könnten dagegen laut Dekra heute schon die Zahl fehlerhafter Eingaben und die Eingabezeiten verringern. Dadurch würden sich gleichzeitig Verkehrssicherheitsrisiken – zum Beispiel durch Ablenkung – minimieren. Die Dekra fordert zudem eine herstellerunabhängige Standardisierung vor allem von sicherheitsrelevanten Funktionen: Die entsprechenden Elemente sollen an gleicher Stelle zu finden, gleich angeordnet und in gleicher Art zu handhaben sein.

Gefährliche Einstellungen

Welche Gefahren eine nicht ausgereifte displayorientierte Bedienphilosophie birgt, zeigt der Fall eines Tesla-Fahrers aus dem Jahr 2019. Bei dem Auto lässt sich unter anderem das Scheibenwischer-Intervall ausschließlich über den fest im Auto installierten Touchscreen in mehreren Bedienschritten einstellen.

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Als der Fahrer bei starkem Regen das Intervall verstellen wollte, kam er wegen der dafür notwendigen Ablenkung von der Fahrbahn ab und verursachte dabei Schäden an einem Schild und an mehreren Bäumen. Das Amtsgericht Karlsruhe verurteilte ihn danach wegen Bedienen eines elektronischen Gerätes im Auto zu 200 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot. Das Oberlandesgericht Karlsruhe bestätigte dieses Urteil später noch einmal. Das Gericht hat zwar festgestellt, dass unter das Bedienverbot von elektronischen Geräten nach §23 der StVO eigentlich nur solche Geräte fallen, die der Kommunikation, Information oder Organisation dienen und deshalb die Nutzung solcher Touchscreens nicht generell verboten ist. So erlaube § 23 Abs. 1a S. 1 Nr. 2 StVO die Bedienung elektronischer Geräte während der Fahrt, wenn diese nicht in der Hand gehalten werden müssen und flüchtige Blicke zur Nutzung ausreichen.

Im konkreten Fall sei es aber problematisch gewesen, dass der Fahrer zunächst ein Scheibenwischer-Symbol berühren und anschließend in einem Untermenü zwischen fünf verschiedenen Intervallen wählen musste, um das Wischintervall einzustellen. Für diesen Vorgang sei wesentlich mehr Aufmerksamkeit des Fahrers nötig gewesen als flüchtige Blicke.

Bedienkonzepte, die den Fahrer dazu verleiten den Blick lange von der Fahrbahn abzuwenden, können also generell zu Bußgeldern und Fahrverboten führen. Auch wenn es bei der Bedienung nicht um Kommunikation, sondern um Grundfunktionen geht.

Schüchterne Technik

Ein Kompromiss zwischen Touch-Displays und herkömmlicher Bedientechnik könnte künftig die sogenannte „Shy-Tech“ bieten, die unter anderem der Zulieferer Continental entwickelt. Diese ermöglicht ebenfalls Cockpits mit edel wirkenden, glatten Flächen. Fast alle Be- dienelemente und Anzeigen sind nämlich unsichtbar unter halbtransparenten Oberflächen verborgen. Sie treten erst in Erscheinung, wenn die Insassen sie brauchen. Sind sie dagegen in der aktuellen Situation nicht relevant, bleiben sie für das menschliche Auge unsichtbar.

Schalter und Schieberegler lassen sich bei dieser Technik zudem mit einem haptischen Feedback ausstatten. Ein weiterer Vorteil der Technik ist, dass Autofahrer selbst einstellen können, welche Bedienelemente und Anzeigen ständig sichtbar bleiben und welche nach einer Benutzung wieder verschwinden sollen. Laut Continental ermöglicht diese Technik ein ruhiges, aufgeräumtes Innenraumdesign, das gleichzeitig viele neue Funktionen bietet – ohne die Insassen zu überfordern. Erste Fahrzeuge sollen 2025 mit dieser Technik ausgestattet werden.

Natürliche Dialoge

Und dann gibt es noch die Sprachbedienung, die inzwischen die Insassen immer besser versteht und nicht mehr nur mit vordefinierten Befehlen arbeiten kann. Dank künstlicher Intelligenz (KI) sind in immer mehr Autos ganz normale Sätze wie „Hey, fahr mich zum Bahnhof in Frankfurt“, als Spracheingaben möglich.

Um die Entwicklung hier zu beschleunigen, kooperieren Hersteller und Zulieferer mit Anbietern von KI. Mercedes hat sich beispielsweise mit Chat GPT zusammengetan und Continental mit Google Cloud. Die KI kann sogar noch mehr, denn sie kann bei Bedarf auch die Bedienungsanleitung ersetzen und den Fahrer beispielsweise über die richtigen Reifendrücke bei vollgeladenem Auto informieren. Die Insassen können dabei auch Folgefragen stellen, ohne den Kontext zu wiederholen. Moderne, KI-gestützte Sprachbedienungen erlauben immer öfter ganz natürliche Dialoge.

Genau das wollen inzwischen viele Autofahrer. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom nutzen bereits 47 Prozent der Autofahrer die Sprachbedienung im Auto – insbesondere dann, wenn sie auch zu Hause Sprachassistenten verwenden. Deshalb wird sich die Bedienung im Auto künftig auf Tippen und sprechen konzentrieren, wobei die Sprache wahrscheinlich zur dominanten Eingabequelle wird. Das ermöglicht in Verbindung mit Shy-Tech glatte Oberflächen ohne störende Elemente – also ein Clean-Desk-Konzept.

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