Vom Autocross zum Profi-Rennsport: Sonja Nadine Müller hat genau das geschafft. Mit einer Kfz-Ausbildung und dem Willen, technisch immer noch einen draufzusetzen.
Sonja Nadine Müller beim Goodwood Festival of Speed 2019. Der ID.R holte mit 39,90 Sekunden den damaligen Streckenrekord und übertraf die 20 Jahre lang bestehende Bestzeit um 1,7 Sekunden.
(Bild: Sonja Nadine Müller)
Schotterpiste, Reifenschaden und kein Mechaniker in Sicht. Auf den Wertungsprüfungen müssen Ralley-Crews selbst ran und ihr Werkzeug an Bord haben. Damit der Schlagschrauber während der Fahrt nicht unkontrolliert durch den Wagen fliegt, nutzen die Teams von Volkswagen Motorsport einen speziellen Halter. Entworfen und gebaut hat ihn Sonja Nadine Müller.
Die Expertin für Sonderanfertigungen baut Prototypen und prüft sie im Fahrbetrieb. Im Rennsport ist fast jedes Teil eine Einzelanfertigung. „Das ist immer Trial and Error“, sagt sie. Heute nutzt Müller dieses Wissen in ihrer eigenen Werkstatt, die sie seit 2014 führt: Sie baut individuelle Tracktool-Sportwagen für ihre Kunden und restauriert Oldtimer.
Bildergalerie
Autorennen statt Spielplatz
Sonjas Vater war Gartenlandschaftsbauer, aber am Wochenende drehte sich bei ihm alles um Autorennen. Sonntags Formel 1 vor dem Fernseher, samstags selbst Autocross fahren. Und Sonja war immer dabei. Wie früh sie mit anpackte, zeigt ihr erster Pokal: Mit fünf Jahren war sie „Kleinster Schrauber, Platz 1“ auf dem Rennplatz.
Mit sechs bekam sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder ein Gokart. Von da an gehörten die Wochenenden den Kartbahnen. Sonja wechselte Ketten, zog Reifen auf und schaute den Älteren über die Schulter. Die Technik gehörte zu ihrem Alltag, und die Berufswahl war damit vorgezeichnet: „Bevor ich überhaupt angefangen habe, mir Gedanken darüber zu machen, was ich beruflich machen will, steckte ich ja schon tief in der Materie.“
Rückschlag und Neustart
Mit 16 verlor Müller ihren Vater – unerwartet. Ihre wichtigste Bezugsperson war plötzlich weg. Sie machte trotzdem weiter und suchte einen Ausbildungsplatz zur Kfz-Mechatronikerin. Weil sie nicht gleich eine Stelle fand, überbrückte sie die Zeit mit einem Berufsgrundschuljahr in Metalltechnik. Dabei lernte sie Drehen, Fräsen und Schweißen. Kein Umweg, wie sich zeigen sollte, denn genau diese Grundlagen brauchte sie später im Rennsport. Doch ihr eigentliches Ziel blieb die Kfz-Ausbildung. Für die zog sie von Großburgwedel bei Hannover nach Hamburg.
Dort lernte sie bei einem Porsche-Spezialisten mit eigenem Motoreninstandsetzungsbetrieb wie man Motoren zerlegt, Teile präzise misst, fräst, dreht und anschließend wieder zusammenbaut. Dazu kam alles, was mit Elektronik und Tuning zu tun hat: Codieren, Programmieren, Optimieren. Aber auch rechtliche Themen wie Gewährleistung, Haftung, Vertragsrecht und Auftragsabwicklung.
Der Sprung in den Rennsport
Nach der Ausbildung holte sie ein Rennteam zurück nach Hannover. Als Gesellin bereitete sie Fahrzeuge für den nationalen und internationalen Porsche-Carrera-Cup vor. Parallel besuchte sie die Meisterschule. 2012 wechselte sie zu VW Motorsport und arbeitete dort als Rennmechanikerin.
„Das ist kein anerkannter Ausbildungsberuf“, sagt Müller. Bei den offiziellen Autoberufen taucht er nicht auf. Wer im Rennsport arbeiten will, braucht in erster Linie handwerkliches Geschick und Ahnung von Autos. Oft ist eine Kfz-Ausbildung die Basis, der Rest ist Spezialisierung im Job. Auch Quereinsteiger haben gute Chancen.
ARBEITEN IM RENNSPORT
Deine Kfz-Ausbildung ist die ideale Basis. Ansonsten sind Improvisationstalent und Stressresistenz extrem wichtig.
Du bist an vielen Wochenenden unterwegs. Wie oft, hängt von der Rennserie ab. In der Rallye-WM war Sonja Müller 25 bis 30 Wochen im Jahr auf Reisen, in der Formel 1 sind es bis zu 48 Wochen.
Wegen der hohen Reisebelastung ist die Fluktuation im Motorsport enorm. Motivierte Mechanikerinnen und Mechaniker werden händeringend gesucht.
Wenn du interessiert bist, schreibe Motorsport-Teams über Social Media an und frag nach, ob du mal reinschnuppern kannst. Die Chancen stehen gut, dass du zum Gespräch eingeladen wirst.
Als Volkswagen auf Elektroantrieb umstellte, mussten alle Kfz-Mechatronikerinnen und Kfz-Mechatroniker eine zusätzliche Qualifikation nachweisen. Auch die Kfz-Meisterin büffelte vier Monate lang in Vollzeit und schloss als Elektrofachkraft für Hochvoltfahrzeuge (EFK) ab. Diese Qualifikation brauchte sie für den Elektro-Prototypen ID.R. Der 900-Volt-Bolide knackte 2018 den Streckenrekord am Pikes Peak in Colorado (USA) und hält ihn bis heute.
Ist die Lebensgefahr beim Schrauben an 900 Volt größer als bei einem normalen E-Auto? Die Rennsportmechanikerin winkt ab: „Umbringen kann man sich auch an einem Auto mit 400 Volt. Den ID.R muss man freischalten, dann läuft die Arbeit wie bei jedem anderen E-Fahrzeug.“
Der Preis des Motorsports
In den Jahren der Rallye-Weltmeisterschaft war Müller 25 bis 30 Wochen im Jahr unterwegs. Oft kamen kurzfristige Anrufe am Vorabend: „Kannst du morgen nach Mexiko fliegen?“ Zu Hause lief ihre eigene Werkstatt unter Volldampf weiter. „Ich habe wahnsinnig oft gesehen, dass Beziehungen daran zerbrochen sind. Auch meine eigenen“, sagt sie. Die Formel 1 habe sie deshalb bewusst nie angestrebt. Dort sei man 48 von 52 Wochen weltweit unterwegs. „Motorsport ist das Richtige für Leute, die alleinstehend sind, keine Kinder haben und die Welt sehen wollen.“
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
So schaffst du den Einstieg
Genau deshalb ist die Fluktuation im Motorsport so hoch und die Chancen für Einsteiger gut. Müllers Tipp: nicht groß nachdenken, einfach anschreiben und fragen, ob man mal reinschnuppern kann. Eine kurze Nachricht über Social Media an ein Team, das einen interessiert, reicht meistens: „90 Prozent der Rennteams sagen: Komm vorbei, wir quatschen mal und schauen, was für Skills du mitbringst.“
Nach Jahren im Motorsport lenkt die Kfz-Meisterin ihre Leidenschaft jetzt vermehrt auf die eigene Werkstatt und neue Projekte. Sie plant Schrauberkurse für Frauen, baut ihr Netzwerk aus und erweitert ihre Reichweite auf Social Media. Stillstand kennt sie nicht.