Ungewöhnliche Berufe Traumjob Boxengasse

Von Sybille Weinschenk 4 min Lesedauer

Vom Autocross zum Profi-Rennsport: Sonja Nadine Müller hat genau das geschafft. Mit einer Kfz-Ausbildung und dem Willen, technisch immer noch einen draufzusetzen.

Sonja Nadine Müller beim Goodwood Festival of Speed 2019. Der ID.R holte mit 39,90 Sekunden den damaligen Streckenrekord und übertraf die 20 Jahre lang bestehende Bestzeit um 1,7 Sekunden.(Bild:  Sonja Nadine Müller)
Sonja Nadine Müller beim Goodwood Festival of Speed 2019. Der ID.R holte mit 39,90 Sekunden den damaligen Streckenrekord und übertraf die 20 Jahre lang bestehende Bestzeit um 1,7 Sekunden.
(Bild: Sonja Nadine Müller)

Schotterpiste, Reifenschaden und kein Mechaniker in Sicht. Auf den Wertungsprüfungen müssen Ralley-Crews selbst ran und ihr Werkzeug an Bord haben. Damit der Schlagschrauber während der Fahrt nicht unkontrolliert durch den Wagen fliegt, nutzen die Teams von Volkswagen Motorsport einen speziellen Halter. Entworfen und gebaut hat ihn Sonja Nadine Müller.

Die Expertin für Sonderanfertigungen baut Prototypen und prüft sie im Fahrbetrieb. Im Rennsport ist fast jedes Teil eine Einzelanfertigung. „Das ist immer Trial and Error“, sagt sie. Heute nutzt Müller dieses Wissen in ihrer eigenen Werkstatt, die sie seit 2014 führt: Sie baut individuelle Tracktool-Sportwagen für ihre Kunden und restauriert Oldtimer.

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Autorennen statt Spielplatz

Sonjas Vater war Gartenlandschaftsbauer, aber am Wochenende drehte sich bei ihm alles um Autorennen. Sonntags Formel 1 vor dem Fernseher, samstags selbst Autocross fahren. Und Sonja war immer dabei. Wie früh sie mit anpackte, zeigt ihr erster Pokal: Mit fünf Jahren war sie „Kleinster Schrauber, Platz 1“ auf dem Rennplatz.

Mit sechs bekam sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder ein Gokart. Von da an gehörten die Wochenenden den Kartbahnen. Sonja wechselte Ketten, zog Reifen auf und schaute den Älteren über die Schulter. Die Technik gehörte zu ihrem Alltag, und die Berufswahl war damit vorgezeichnet: „Bevor ich überhaupt angefangen habe, mir Gedanken darüber zu machen, was ich beruflich machen will, steckte ich ja schon tief in der Materie.“

Rückschlag und Neustart

Mit 16 verlor Müller ihren Vater – unerwartet. Ihre wichtigste Bezugsperson war plötzlich weg. Sie machte trotzdem weiter und suchte einen Ausbildungsplatz zur Kfz-Mechatronikerin. Weil sie nicht gleich eine Stelle fand, überbrückte sie die Zeit mit einem Berufsgrundschuljahr in Metalltechnik. Dabei lernte sie Drehen, Fräsen und Schweißen. Kein Umweg, wie sich zeigen sollte, denn genau diese Grundlagen brauchte sie später im Rennsport. Doch ihr eigentliches Ziel blieb die Kfz-Ausbildung. Für die zog sie von Großburgwedel bei Hannover nach Hamburg.

Dort lernte sie bei einem Porsche-­Spezialisten mit eigenem Motoreninstandsetzungsbetrieb wie man Motoren zerlegt, Teile präzise misst, fräst, dreht und anschließend wieder zusammenbaut. Dazu kam alles, was mit Elektronik und Tuning zu tun hat: Codieren, Programmieren, Optimieren. Aber auch rechtliche Themen wie Gewährleistung, Haftung, Vertragsrecht und Auftragsabwicklung.

Der Sprung in den Rennsport

Nach der Ausbildung holte sie ein Rennteam zurück nach Hannover. Als Gesellin bereitete sie Fahrzeuge für den nationalen und internationalen Porsche-Carrera-Cup vor. Parallel besuchte sie die Meisterschule. 2012 wechselte sie zu VW Motorsport und arbeitete dort als Rennmechanikerin.

„Das ist kein anerkannter Ausbildungsberuf“, sagt Müller. Bei den offiziellen Autoberufen taucht er nicht auf. Wer im Rennsport arbeiten will, braucht in erster Linie handwerkliches Geschick und Ahnung von Autos. Oft ist eine Kfz-Ausbildung die Basis, der Rest ist Spezialisierung im Job. Auch Quereinsteiger haben gute Chancen.

ARBEITEN IM RENNSPORT

  • Deine Kfz-Ausbildung ist die ideale Basis. Ansonsten sind Improvisationstalent und Stressresistenz extrem wichtig.
  • Du bist an vielen Wochenenden unterwegs. Wie oft, hängt von der Rennserie ab. In der Rallye-WM war Sonja Müller 25 bis 30 Wochen im Jahr auf Reisen, in der Formel 1 sind es bis zu 48 Wochen.
  • Wegen der hohen Reisebelastung ist die Fluktuation im Motorsport enorm. Motivierte Mechanikerinnen und Mechaniker werden händeringend gesucht.
  • Wenn du interessiert bist, schreibe Motorsport-Teams über Social Media an und frag nach, ob du mal reinschnuppern kannst. Die Chancen stehen gut, dass du zum Gespräch eingeladen wirst.

Als Volkswagen auf Elektroantrieb umstellte, mussten alle Kfz-Mechatronikerinnen und Kfz-Mechatroniker eine zusätzliche Qualifikation nachweisen. Auch die Kfz-Meisterin büffelte vier Monate lang in Vollzeit und schloss als Elektrofachkraft für Hochvoltfahrzeuge (EFK) ab. Diese Qualifikation brauchte sie für den Elektro-Prototypen ID.R. Der 900-Volt-Bolide knackte 2018 den Streckenrekord am Pikes Peak in Colorado (USA) und hält ihn bis heute.

Ist die Lebensgefahr beim Schrauben an 900 Volt größer als bei einem normalen E-Auto? Die Rennsport­mechanikerin winkt ab: „Umbringen kann man sich auch an einem Auto mit 400 Volt. Den ID.R muss man freischalten, dann läuft die Arbeit wie bei jedem anderen E-Fahrzeug.“

Der Preis des Motorsports

In den Jahren der Rallye-Weltmeisterschaft war Müller 25 bis 30 Wochen im Jahr unterwegs. Oft kamen kurzfristige Anrufe am Vorabend: „Kannst du morgen nach Mexiko fliegen?“ Zu Hause lief ihre eigene Werkstatt unter Volldampf weiter. „Ich habe wahnsinnig oft gesehen, dass Beziehungen daran zerbrochen sind. Auch meine eigenen“, sagt sie. Die Formel 1 habe sie deshalb bewusst nie angestrebt. Dort sei man 48 von 52 Wochen weltweit unterwegs. „Motorsport ist das Richtige für Leute, die alleinstehend sind, keine Kinder haben und die Welt sehen wollen.“

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So schaffst du den Einstieg

Genau deshalb ist die Fluktuation im Motorsport so hoch und die Chancen für Einsteiger gut. Müllers Tipp: nicht groß nachdenken, einfach anschreiben und fragen, ob man mal reinschnuppern kann. Eine kurze Nachricht über Social Media an ein Team, das einen interessiert, reicht meistens: „90 Prozent der Rennteams sagen: Komm vorbei, wir quatschen mal und schauen, was für Skills du mitbringst.“

Nach Jahren im Motorsport lenkt die Kfz-Meisterin ihre Leidenschaft jetzt vermehrt auf die eigene Werkstatt und neue Projekte. Sie plant Schrauberkurse für Frauen, baut ihr Netzwerk aus und erweitert ihre Reichweite auf Social Media. Stillstand kennt sie nicht.

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